nötiges Ausschnupfen maskierte. Die Tochter des Waldes aber blickte strahlend auf den Handlungsgehilfen, als wollte sie sagen: »Ein Künstler bist du auch noch?«

»So’n Syrupskringel!« knirscht Asmus in sich hinein, und damit meinte er nur den Handlungsgehilfen, obwohl es in gewissem Sinne auch auf die Tochter des Waldes paßte. Asmus hatte ja bald heraus, daß sie zu den höheren Dingen keine Beziehungen unterhielt; aber doch blieb er ganz in ihr gefangen; sie war eine Brezel, die der himmlische Menschenbäcker mit unendlich vielem Syrup bestrichen hatte. Und als nun alle nach einer Waldlichtung eilten und »Dritten abschlagen« spielten, da traf es sich merkwürdig oft so, daß die Försterstochter vor dem alten Muhmen-Deklamator stand, und dann legte er – dieser Frechling – ganz ungeniert, wie im Eifer des Spiels die Hände um die Taille des hochatmenden wonnigen Geschöpfes. »Der Schuft,« dachte Asmus, und die Treue von 1880 wankte in ihren Grundfesten. Er fragte sich, ob er es auch wagen würde, ihr die Hände um die Hüften zu legen. »Nie,« sagte er sich. Wenn sie es ihm verwiesen hätte, wäre er vor Scham und Stolz gestorben. Und als es das Spiel so fügte, daß sie beide vor ihm standen und er als »Dritter« den Platz räumen mußte, um nicht »abgeschlagen« zu werden, da nahm er das als ein tiefschmerzliches Symbol. Beim Abendbrot holte er dann nach, was er

mittags versäumt hatte; in seiner grollenden Versunkenheit fraß er alles in sich hinein, was ihm vorkam: Schinken, Rühreier, Schwarzbrot und Liebesgram. Beim Abschied wollte er erst ohne Gruß verschwinden; aber sie sollte sich nicht einbilden, daß sie ihn verwundet habe, und mit blutendem Herzen gab er ihr lächelnd die Hand, und wie die andern winkte er, im Waldesdunkel langsam verschwindend, noch lange mit Lächeln zurück. Zu Hause verfiel er sofort in vierfüßige Trochäen, und das dauerte auch den folgenden Tag noch fort, und als das Gedicht wohl an tausend Füße hatte, fühlte er sich bedeutend ruhiger. Und als er nach dreien Tagen in einem uralten Exemplar von Herders »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit« las und plötzlich aus einer Waldwirrnis von Gedanken die hübsche Försterstochter auftauchte, da war der Generalsuperintendent aus Weimar schon stärker als die Blume des Waldes. Das blutende Herz war geheilt wie eine Stecknadelwunde.

Aber die Treue von 1880 sollte ihm noch eine bessere Liebe und eine tiefere Herzenswunde bringen.

XXI. Kapitel.

Wie Asmus eine bessere Liebe fand.

Alfred Sturm, ein junger Kaufmann, war dem Verein beigetreten an jenem Abend, als Asmus an die pessimistischen Verse Schillers mit bemerkenswerter Kühnheit optimistische Gedanken geknüpft hatte. »Als ich deinen Vortrag über Schillers »Antritt des neuen Jahrhunderts« gehört hatte, war ich dir für immer verfallen,« sagte Sturm in vertrauter Stunde. Asmussens Liebe war weniger schnell, aber nicht weniger tief, und sie bildeten einen stillen Bund im Bunde, bildeten innerhalb der »Treue von 1880« eine Treue von Ewigkeit zu Ewigkeit. Asmus fand bei seinem Freunde etwas Köstliches, das die Deutschen nur verschwindend selten besitzen und niemals zu würdigen wissen. Die Deutschen haben eigentlich nur zwei Humore, den behäbigen Bier- und Tabakhumor, der noch ihr bester ist, und den mit spitzen Lippen säuerlich-lächelnden Geheimratshumor, von dem die Milch gerinnt und der Lachen für unfein hält; was sie fast nie haben und auch bei Shakespeare – obwohl sie’s heucheln

nicht zu schätzen wissen, das ist der genial-groteske Ulk, der tiefsinnige Clownhumor. Die Spitznäsigen nennen ihn »blödsinnig«, und die Knoten heißen ihn »unvornehm«. Diesen Humor nun, wie alle kräftigen Humore, liebte Asmus aus innerster Seele, und den besaß Sturm. Wenn Sturm einen rasenden Schmierenschauspieler darstellte, oder aus dem Stegreif eine Hintertreppen-Familientragödie mimte, oder einen Volksredner oder auch die Ilsebill aus dem Märchen »vom Fischer un syner Fru« verkörperte, dann lachten zwar die andern auch; aber Asmus lachte so, daß er endlich rufen mußte: »Hör’ auf, ich sterbe!« Aber dieser Humor würde vielleicht doch nicht das ganze Herz des Asmus eingenommen haben, wenn sich damit nicht ein merkwürdig leidenschaftlicher Aufwärtsdrang, ein bitter-ernstes Bildungs- und Vervollkommnungsstreben verbunden hätte. Diese beiden Eigenschaften, die immer wie Gegensätze aussehen und die doch durchaus keine Gegensätze sind, ließen Asmus in diesem Jüngling den Freund erkennen, den er unbewußt gesucht hatte. Sturm dagegen sah in dem jungen Semper den Menschen, der ihm endlich zu jedem ersehnten Aufschwung verhelfen könne, und wenn Asmus solche enthusiastischen Überschätzungen mit Händen und Füßen ängstlich abwehrte, so ging Sturm mit dem Lächeln des Besserwissenden darüber hinweg und sang aus dem damals oft gespielten Boccaccio:

»Hab ich nur deine Liebe, Die »Treue« brauch ich nicht.«

Aber das quälte ihn, daß er diese Liebe nicht ganz zu besitzen glaubte; er war eifersüchtig. Eifersüchtig auf Morieux. Mit dem sollte Semper sich nicht einlassen.