»Wie kannst du nur so viel mit dem Morieux verkehren! Morieux! Auf dem Dom[2] gab es früher ein Affentheater von »Morieux«. Das paßt. Dieser ganze Morieux ist ein Affentheater, das von morgens bis abends Vorstellungen gibt. Das ist doch kein Charakter!«
»Nein, das ist er nicht,« räumte Semper ein. »Er ist oft ein unangenehmer Kerl. Der Schöpfer aller Dinge hat ihn aus Resten gemacht, die zu ganzen Menschen nicht mehr ausreichten. Er hat ein blaues Bein und ein gelbes, eine halb rote und halb grüne Jacke, wie ein Harlekin. Aber aus allen Schlacken und Aschen seiner Seele schlagen doch zuweilen reine Flammen auf. Er hat sich in einem schweren Streit und gegen eine große Übermacht auf meine Seite gestellt; er hat um mich gelitten; das kann ich doch nicht einfach vergessen.«
Dann setzte Sturm sich schweigend, aber unzufrieden ans Klavier und introduzierte ein neues Lied; denn singen mußte Asmus zu seiner Begleitung, sobald ein Klavier in erreichbarer Nähe war. Eines Tages aber, als sie am Abend
vorher in der »Treue« wieder die schönsten und die verrücktesten Dinge getrieben hatten – Asmus saß wieder in seiner engen Klause und übersetzte Byron – da klopfte jemand. Auf Asmussens »Herein« trat Alfred Sturm ein, um sogleich auf einen Stuhl neben der Tür zu sinken und in Tränen auszubrechen. Sein Gesicht war aschfahl; in der Hand hielt er eine gelbe Rose. Er hatte soeben in Gemeinschaft mit seinem Vater seine Mutter in eine Anstalt für Geisteskranke bringen müssen.
»Ich hoffte bei dir ein wenig Trost zu finden,« sprach er unter Schluchzen. Und diese Erwartung erschütterte Sempern fast so sehr wie die Unglücksnachricht. Trost suchte sein Freund bei ihm! Bei einem Neunzehnjährigen! Der nichts erfahren hatte! Sein Freund war ja älter als er! Aber sein Freund suchte Trost, und also mußte er ihn finden. Er wuchs über sein Alter hinaus. Er dachte an den Tag, da er seinen Bruder Leonhard durch den Tod verloren hatte. Und sogleich wußte er eins: Sprechen, mit Worten trösten, wäre in diesem Augenblick Roheit. Und er legte den Arm um seinen Freund, klopfte ihm langsam und leise, wie eine tröstende Mutter, die Schulter und ließ ihn weinen. Und wirklich: der Unglückliche beruhigte sich zusehends. Dann sagte Asmus mit sanftem Tone: »Ich habe einen Weg zu machen; es wäre riesig nett von Dir, wenn du mich begleiten wolltest.«
»Da,« sagte er, »die Rose solltest du haben – jetzt ist sie verwelkt. Na – ist ja alles einerlei!« – und er wollte sie zum Fenster hinauswerfen.
»Gib!« rief Asmus und nahm ihm die Blume aus der Hand. »Sie wird sich erholen.« Und er stellte sie in ein Wasserglas.
Und dann führte er den Freund zu seinem eigenen großen Tröster, führte ihn an den Elbstrom unterhalb Oldenfunds, bis Blankenese und darüber hinaus, wo die Flut immer breiter und breiter sich dehnt, daß das jenseitige Ufer dem Blick entschwindet, und wo der sinnende Wanderer oder der still hintreibende Segler ahnt und fühlt, daß alles Sehnen und Sorgen in einem großen Meere endet. Dorthin führte er den Freund, wo er von je auf Wiesen und Wellen wie eine himmlische Stadt die künftige Welt gesehen hatte, die künftige Welt, wo alles größer und heller und freier war, wo die Gedanken größer waren und die Gefühle, wo die Menschen trotz allen Schaffens und Ringens einander mit offenem Lächeln begegneten und das Leben immer mehr ein Sonntag und Sonnentag wurde.
Sturm hatte ausführlicher von seiner Mutter erzählt, und Asmus hatte erwidert, daß eine Schwermut, wie sie die fünfzigjährige Frau befallen habe, doch schon oft geheilt worden sei. Unter anderen Beispielen fiel ihm Gutzkow ein,