der schwer gemütskrank gewesen sei und danach wieder produziert habe. Durch Gutzkow kamen sie von selbst in die Literatur hinein, und von der Literatur ganz sachte in die Musik. Alfred Sturm war fanatischer Wagnerianer; nach zwei Takten schwamm er schon »auf wolkigen Höh’n«; Asmus folgte ihm darin nicht einmal bis über die Bäume. Da kam ihm nun eine köstliche List. Er brachte das Gespräch auf Wagner und ließ sich in weniger als zehn Minuten bekehren. Nicht ganz, damit es nicht auffiel, aber doch zu sieben Achteln. Sturm war glückselig und lächelte wieder; es war ein höheres, ein verklärtes Lächeln. Sein Freund erkannte die Größe Wagners – nun konnte man es wirklich wieder mit dem Leben versuchen! Beim Abschied hielt er die Hand des Asmus fest.
»Du –« sagte er. »Ich habe dich zuweilen gelangweilt mit diesem Morieux. Vergiß es, es war furchtbar kleinlich von mir. Was ist Morieux an solchem Abend, du lieber Gott! Diesen Abend vergeß ich dir nicht, solange ich lebe!«
Dann kam der Zug; Sturm stieg ein und blieb auch dann noch am Fenster stehen, als der Zug schon fuhr. Und durch die tiefe Dämmerung des Abends sah Asmus noch lange das erdfahle Gesicht am Wagenfenster. Als er wieder in seinem Zimmer war, fiel sein Blick auf die gelbe Rose. Sie hatte sich nicht erholt.
[2] Der Hamburger Weihnachtsmarkt wird »Dom« genannt.
XXII. Kapitel.
Wie Asmus verlor, was er gefunden.
Diesen Abend nicht zu vergessen – es sollte dem armen Sturm nicht schwer werden. Wohl erholte seine Mutter sich nach einigen Wochen zusehends; aber dann kam Schlimmeres. Es sollte gerade wieder das »Stiftungsfest« der »Treue« begangen werden, und Sturm und Semper gedachten durch »Adelaide«, »Das Lied an den Abendstern«, »Tom der Reimer« und andere Kostbarkeiten die Welt in Erstaunen zu versetzen, da kam am Morgen des großen Tages der Vater Sturms zu Asmus ins Seminar und bat mit seiner leisen, höflichen Stimme um Entschuldigung für seinen Sohn, der heute nicht kommen könne, weil er einen Blutsturz gehabt habe. Es habe wohl nichts Schlimmes zu bedeuten; aber er müsse natürlich im Bette bleiben.
Asmus nahm an den folgenden Stunden ohne Aufmerksamkeit teil und eilte sofort nach Schluß des Seminars an das Bett des Freundes. Sein Gesicht war fahler denn je, die Augen groß und feucht. Aber von Krankheit
wollte er nichts wissen. Die Eltern erzählten, daß er durchaus am Abend zum Stiftungsfest wolle und beschworen Semper um seinen Beistand. »Was Sie sagen, das tut er,« meinten sie. Asmus bezweifelte das, behandelte aber dem Kranken gegenüber den Besuch des Festes als etwas selbstverständlich Unmögliches. Da wurde Sturm, der sich anfangs über Sempers Anwesenheit gefreut hatte, bitter und verbissen; mit einem zürnenden Blick sagte er: »Du bist wie alle andern« und kehrte sich zur Wand. Asmus streichelte ihm leise die Hand und ging.
Am Abend erschien Alfred Sturm auf dem Stiftungsfest, heiter und humorvoll, und was Asmus auch einwenden mochte, Sturm wollte ihn auf dem Klavier begleiten. »Soll vielleicht Morieux dich begleiten?« fragte er mit einem krankhaften Feuer in den Augen. Man mußte ihn gewähren lassen. Aber als die Lieder gesungen waren, war seine Munterkeit wie abgeschnitten; ohne das Mahl und den Tanz abzuwarten, hüllte er sich in seinen Überzieher, legte sorgsam und glatt, wie es einem eleganten jungen Kaufmann geziemt, das seidene Tuch um den Hals und ging heim.