Seiner Jugend erschien die Welt als ein ehrenhaftes Geschäft, bei dem man eine berechtigte Forderung nur zu präsentieren brauche, um
sofort Zahlung zu erhalten. Er ahnte noch nicht, daß dieses allerdings reelle Geschäft eine sehr weitsichtige Buchführung hat und daß seine Bilanzen oft erst nach zehn, nach fünfzig, nach hundert Jahren oder später erscheinen, je nach der Größe des Gegenstandes. Man kann diese Welt auch ein Gericht nennen und das Leben einen Prozeß, der durch hundert oder tausend Instanzen geht. Man bekommt gewöhnlich sein Recht, aber oft mit einer Begründung, die man nicht erwartet hat, und manchmal, wenn man das Urteil erhält, ist man tot.
Bald darauf, in der Rezitationsstunde trug Asmus aus dem Kopfe »Salas y Gomez« vor, mit sämtlichen drei Schiefertafeln. Als er nach dieser Stunde über den Korridor ging, stieß er auf Herrn Rothgrün, der in der Nachbarklasse Sempers Freudenschrei:
»Ein Schiff! Ein Schiff! Mit vollen Segeln lenkt Es herwärts seinen Lauf, mit vollem Winde!«
vernommen hatte. Und Rothgrün meinte mit wohlwollendem Lächeln: »Glauben Sie wohl, daß der Mann noch eine so starke Stimme hatte, nachdem er jahrelang bloß von Eiern gelebt hatte?« Rothgrün war eben Kritiker. Anders aber war der Seminarist Blankenburg. Er trat nach dieser Stunde an einige Häupter seiner Partei heran und sagte:
»Ich finde, es geht nicht länger. Wir können den Verruf nicht weiter aufrechterhalten. Im Grunde war es ja doch nur Neid. Daß er Kollegen beim Direktor verpetzen könnte, glaubt ja längst kein Mensch mehr. Wir blamieren uns. Und wir müssen wieder anfangen.«
Und in den andern wachte die Hochherzigkeit des Jünglingsalters freudig wieder auf, und es wurde beschlossen, auf dem bevorstehenden Bergfeste die feierliche Versöhnung zu begehen.
XXV. Kapitel.
Was eigentlich ein Bergfest ist, und warum Dr. Korn den ersten Toast bekam.
Das Bergfest! Wenn von den sechs Seminarsemestern drei verflossen waren und also der Berg des Ärgernisses bis zum Gipfel überwunden war, pflegte man das »Bergfest« zu feiern. Und diesmal sollten der Direktor und alle Lehrer dazu geladen werden.