Im deutschen Liede sah er das deutsche Land. Er hatte ja mit leiblichen Augen nichts davon gesehen als seine engere Heimat; aber – o, was für ein Land mußte das sein! Jahre, bevor er nach Amerika ging, war sein Bruder Johannes durch Deutschland und die Schweiz gewandert, hatte Briefe und Bilder von Burgen und Bergen und Trauben vom Rhein geschickt; aber das Schönste, was er dann mit nach Hause gebracht, war ein Lied gewesen, das Asmus damals noch nicht kannte.

An der Saale hellem Strande Stehen Burgen stolz und kühn. Ihre Dächer sind zerfallen, Und der Wind streicht durch die Hallen; Wolken ziehen drüber hin.

Auch dieses Lied spielte Asmus; denn er hörte alles darin, was der Deutsche ist oder was er von Herzen gern sein möchte: tapfer und mild, erfindungsreich und träumerisch, zärtlich und gedankenvoll. Dies Lied kam aus einem Land voll großer Geschichte und tiefsinniger Sage, aus einem Land der singenden Wälder und klingenden Ströme. Daß man solch ein Land liebte – nicht, wie Mutter oder Bruder, nicht wie ein Mädchen – nein, mit einer Liebe, die es nur einmal gibt, die seltsam und ganz eigen ist – das war ja selbstverständlich. Daß man für ein Land, dem solche Lieder entblühen, freudig sterben kann, das war ihm selbstverständlich.

Gewiß waren andere Länder ebenso schön oder schöner; aber ein zweites Deutschland gab es dennoch nicht. Gewiß hatte kein Land solche Weihnachtslieder wie Deutschland. Da war ein Lied, das war klein und groß, wie eine deutsche Hütte, darin eine Mutter mit ihrem Kinde liegt. Da kommen die Töne behutsam herein auf leisesten Sohlen und knien wie Kinder vor der Wiege in stumm zitternder Seligkeit, und halten den Atem, halten den Schlag des Herzens an, das

zerspringen will vor heiliger Erwartung, weil es das Kindlein sehen soll!

Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all, Zur Krippe her kommet in Betlehems Stall Und seht, was in dieser hochheiligen Nacht Der Vater im Himmel für Freude euch macht!

»Das ist doch eigentlich ein ziemlich triviales Lied,« meinte der Seminarist Gärtner.

»Mein lieber Kärtner,« versetzte Meister Bruhn mit seinem mild-ironischen Lächeln, »mein lieber Kärtner, wenn ich das Lied k’macht hätte, denn kuckt’ ich Sie karnicht an!«

»Das ist das feinste, lieblichste Weihnachtslied, das ich kenne!« rief Asmus begeistert.

»Ja, ja, mein lieber Semper, awer solche Sachen macht man heutz’tache nich mehr.«