„Ich weiß, werte Herren, daß ich ein Majestätsverbrechen an dem Ernst Ihrer Würde begangen habe, bin bewußt, vor mir die Creme der europäischen Gesinnung zu haben. Nicht wahr, der Krieg, über den Sie zu Gericht sitzen, Sie segnen ihn im geheimen, denn er erst hat Sie zu Halbgöttern gemacht, Schiedsrichtern über Tölpel und Barbaren. Eure Selbstherrlichkeit reizte mich; wenn ihr so hoch steht, laßt mich unten im Staub euch in die Zehen beißen, kratzt euch und redet weiter vom Glück.“
Er setzte sich erschöpft, Augen waren Kohlenstückchen in Teerosenblätter gewickelt. Lauda trat zu ihm, roch den Atem eines jungen Kinds, sagte:
„Lesen Sie andres, nicht Manifest, Verse,“ gab ihm den Band in die Hand, der vor ihm lag. Lisbao schlug auf, las die Hymne Rimbauds auf die Vokale, nahm ein andres Heft und sagte:
„Hören Sie etwas Deutsches, Gedichte meines Freunds Hans Arp; wenn Sie nicht böswillig sind, werden Sie empfinden, wie rein, von Seelenproblemen unbeschwert, phantastisches Spiel hier die Welt geworden ist, ausgeschaltet Kausalität, übersprungen Zwischenglieder, gleichzeitig alles, Silberkugeln auf Fontänen.“
Obwohl der mond mir wie ein spiegel gegenüberhängt schmerzt mich der engel im auge / auf den tischen laufen die sämereien auf und pochst du an die pflanzen so springen ihre blumen hervor / die löwen verenden vor ihren schilderhäusern mit gießkannen voll diamanten zwischen den krallen / die führer tragen schürzen aus holz die vögel tragen schuhe aus holz die vögel sind voll widerhall / unaufhörlich rollen ihnen die eier aus ihren kleinen herzen / ihr scheitel trägt den himmelsmast ihre sohlen stehen auf schreitenden flammen / reißt die schneekette so rufen sie den herrgott an / senkt sich das himmelsrad so treten ihre hufe auf schwarze körner
die nachtvögel tragen brennende laternen im gebälk ihrer augen / sie lenken zarte gespenster und fahren auf zartadrigen wagen / der schwarze wagen ist vor den berg gespannt die schwarze glocke ist vor den Berg gespannt die toten tragen sägen und stämme zur mole herbei / aus den kröpfen der vögel stürzen die ernten auf die tennen aus eisen / die engel landen in körben aus luft / die fische ergreifen den wanderstab und rollen in sternen dem ausgang zu
verschlungene knaben blasen das wunderhorn / engel in goldenen schuhen leeren säcke voll roter steine in jedes glied / schon bilden sich maste und sternbilder / die schwestern zeigen spuren von luftschlössern geldkatzen findlingen dampfkuhbissen gesattelten hasen frisch gepolsterten löwen / auf flammenden speichen rollen vögel über den himmel sterne niesen aus ihren wachsnasen blumengarben / betrunken sind mann und maus und schwimmen an weichen Fingern / brennende löwen sausen über zitternde birken / wer einen schwanz hat bindet sich eine laterne daran / die ganze nacht wird auf dem kopf gestanden rittlings auf drachen getanzt / stangenklettern und leiblicher Ringkampf erfüllen die nacht mit wauwau
Die seraphim und cherubim steigen die weißen bauleitern auf und ab und wissen nicht warum / auf wattekugeln schreiten die starken tiere sie sieben glühende kohlen auf die betten werfen speere nach den befiederten höckern und häufen steine über die wegweiser / die kinder ziehen ihre totenstiefel an und warten auf die zeit die in kleine schwarze schlitten und kisten zerfällt und warten auf den kosmetischen Löwen mit dem schwanz aus dünnem draht voll feiner knötchen / in den schattensesseln sitzen die gekalkten toten sie klatschen in die hände und bellen / riesenvögel röhren in den holzschluchten keiner findet mehr die spur von seinen kinderschuhen / die pistille fallen aus den sternen die sterne verzucken in ihren volieren die sterne spalten sich und speien atrappen / die muskeln in den Sternen reißen entzwei die knochenlosen prinzen fließen wie Teig um die räder der mitternacht / in dem metallenen zelt aber sitzt die riesin eisenkopf mit den falschen waden die litfaßsäule und der uhu / die riesin stülpt sich ihren feuerzylinder ihren rauchzylinder aufs haupt verbeugt sich und spricht fröhlich fröhlich fröhlich / also wird der erdball durchsichtig und wie in einem fischglase schweben die magistri horti deliciarum darin / die welttore schlagen auf und zu die wachspuppezeit zerfließt unaufhörlich das übernichts das wohllautei beschießt.
Er las vor, wie man nach Laudas Gefühl vorlesen sollte, monoton, ohne Akzente von Erfassung oder Verarbeitung, nur das Material liefernd, nicht das Werteverhältnis, das dem Zuhörer überlassen blieb — nichts war so fern von der Konfektionstätigkeit des Schauspielers, der fix und fertig den Complet liefert, wie man in der Schneiderbranche sagte. Diese Einförmigkeit entsprach auch der Grundstimmung den Erscheinungen der Welt gegenüber: sie waren Erscheinungen, nicht mehr, rollend aus dem Ärmel das Magiers mit dem Zauberhut, stürzend in den Wasserfall der Zeit, drängend einander auf den Fersen, Foetuszug, keiner dem andern die Zeitspanne gönnend.
Nüssli war der einzige, der den Unterschied nicht merkte, wie beim Manifest zu jodeln versucht war; in den andren haftete wohl das eine oder das andre Bild aus phantastischer Verschlingung von Milchstraße und Baum, aber sie waren befremdet und fragten, welchen Wert solche Kunst habe für Denken und innre Not.