„Es sind Märchen,“ sagte d’Arigo, „aber schwaches Fundament für Revolutionierung der Kunst, und selbst die Phantasterei verliert sich fortschreitend in bloßen Worteinfällen ohne Beziehung.“
„Ganz recht,“ antwortete Lisbao, „Beziehungslosigkeit ist eine unsrer Fordrungen. Die Bilder, die mein Freund malt, denn er ist Maler, beziehn sich nicht mehr auf das, was abzumalen überflüssig ist, weil es ja schon existiert. Hängen Sie seine Bilder an die Wand, suchen Sie umsonst Kuh und Nymphe darauf. Halten Sie sich für bedeutender, ernster, weil Sie von dreißig bis siebzig unermüdlich Spargel und Mädchen malen? Ist das eine männlichere Beschäftigung? Spargel und Mädchen haben einen ganz andren Zweck, als in Ihrem Öl aufzuerstehn — gegessen und beschlafen zu werden. Welch eine Existanz führen Sie denn inmitten arbeitender Bürgerlichkeit? Wäre der Bürger nicht ein so feiger Dummkopf, dann würde er ehrlich sagen, was er von Ihrer Lebensweise hält: daß Künstler Tagediebe sind, vorredend, die Ölspargel seien so wichtig wie die echten und deshalb sei es nötig, Akademien zu unterhalten. Die Gesichte meines Freunds wollen wenigstens nichts sein als Spiel, ihm so ernst wie Ihnen der Pan im Garten, aber eben auf ihre Philosophie betrachtet Spiel, anmaßungslos, ohne das bedeutsame Mundzusammenkneifen.“
„Wo lebt er, wie?“ fragte Lauda.
„In Zürich, so reinlich, daß es im Zeitalter von Büro Bank Börse unwahrscheinlich ist, er hat keinem Kritiker einen Besuch gemacht, diniert nicht mit Sammlern, Einladung mit Schmeichelei abzahlend, liest Laotse und Jakob Böhme, hat Hände und Füße wie eine Frau, sein Organismus ist so unbrutal, daß er Ausschlag bekommt, wenn er Fleisch ißt.“ Zu d’Arigo gewandt: „Was ahnen Sie, was wissen Sie? Nichts, nicht einmal wie eingesponnen Sie in die kapitalistische Lüge der Kunst sind. Wenn ein Konsumverein Ihnen den Auftrag gibt, auf sein Verwaltungsgebäude die Symbole von Arbeit Handel Friede zu stellen, meißeln Sie Mann mit dem Hammer, Magd mit dem Rocken und als drittes wieder Mann oder Weib mit irgendeinem Spießeremblem — er täte es nicht, das ist der Unterschied. Und wenn der Kommerzienrat sich anmeldet, lassen wir nicht das Atelier aufwaschen, darum liefern wir ihm auch nicht Nymphen unter die Zimmerlinde zu stellen.“
D’Arigo maß ihn kalt, sagte: „Daran erlaube ich mir zu zweifeln. Mag sein, daß Ihr ein paar Jahre weder vom Konsumverein noch vom Kommerzienrat Bestellung erhaltet. Kommt sie aber, dann werdet Ihr verlogen, wie Ihr im Innersten seid, denn Ihr beeilt Euch zu liefern, was man verlangt. Darin sind wir ehrlicher, denen der Bürger die Akademie bezahlt.“
Er ließ ihn stehn und ging zu den Männern, die von dem sprachen, was sie interessierte. Lisbao blieb allein, sein Vortrag hatte keinen veranlaßt, ihn einzuladen. Da sah Lauda, der bei Hannah stand, daß Fräulein Betz zu Lisbao ging, ihm Gesellschaft zu leisten. Hübsch von ihr, er trat selbst hinzu, neugierig zu hören, was sie sagte:
„Wenn ich Sie recht verstanden habe, leugnen Sie, daß ein Künstler sich mit irgendwelchen Dingen abgeben soll, die den Mensch beschäftigen, Problemen, Konflikten?“
„Durchaus, ich lehne ab Theater Museen Konzerte.“
„Und lesen nicht, was vor Ihnen Geister gedacht und gestaltet haben?“
„Nein, es ist sich jeder selbst genug, die Geister vor mir interessieren mich nicht.“