„Selbst angenommen, Sie wären so reich, daß Sie sich selbst genügen können, glauben Sie nicht, daß Sie durch solches Prinzip zu einem Hochmut kämen, der Dürre würde? Sie hören nicht Musik, lesen nicht Bücher — wie bequem Sie sich die Verwerfung der andren machen. Oder: wenn Sie die Beschäftigung mit Fragen, die uns alle angehn, ablehnen, warum lassen Sie nicht den andren das Recht, sich mit ihnen zu beschäftigen? Sie sind ja genau dem verfallen, was Sie bekämpfen, dem Schulmeistern, dem Moralisieren, denn Sie wollen die Menschen dazu zwingen, die Welt mit Ihren Augen zu sehn. Proklamation des Egoismus erschiene mir nur in einem Fall zulänglich: wenn man schwiege und kein Manifest verfaßte. Manifeste sind Symptome des Pädagogischen. Sie wenden sich damit an Gleichgesinnte? Also wollen Sie eine neue Schule gründen, also sind Sie wie alle. Und drittens: wenn Sie den Menschen Theater Bücher Museen nehmen, was geben Sie ihnen dann? In welche Verdummung stürzte die Welt, wenn man jedem einredete, er brauche nichts mehr zu lernen. Sie schütten ihnen ja alle Quellen zu, Kunst ist nicht nur eine absolute Angelegenheit, sondern auch eine soziale in dem Sinn, daß sie die Menschen vor der Langeweile schützt. Ich sehe lauter Widersprüche in Ihnen.“

„Der größte ist,“ sagte Lauda, „daß die Theorie des Ungegenständlichen nur relativ standhält. Denn nicht nur Kuh Spargel Nymphe sind gegenständlich, auch die mathematischen und statischen Gesetze, deren direkte Darstellung Sie versuchen, sind es; sie sind Realität im philosophischen Sinn. Kunst, überhaupt alles, was aus dem innren Kosmos kommt, ist Nachahmung bestehender Zustände. Man kann wohl variieren, aber nicht neu erfinden. Man kann Menschen mit Fischschwänzen, Pferdeleibern und Flügeln erfinden, aber nichts Neues schaffen, das Groteske ist eine Variation des Seienden, nicht mehr.

In den Gedichten Ihres Freunds ist eine außerordentliche Phantasie: ‚unaufhörlich rollen den Vögeln die Eier aus den kleinen Herzen, ihr Scheitel trägt den Himmelsmast, ihre Sohlen stehn auf schreitenden Flammen, senkt sich das Himmelsrad, so treten ihre Hufe auf schwarze Körner.‘ Das sind freie Assoziationen über der Realität, aber die Elemente sind aus der Realität genommen; es sind Kombinationen, bei denen die Kausalität zärtlich ironisiert wird — bei andren wird sie vielleicht herausfordernd ironisiert. Ich vermute, daß Sie trotz Ihres Hasses auf überlieferte Kunst den ganzen unausgesprochnen Hochmut des Künstlers haben, schöpferischer als der Bürger zu sein, Absolutes zu fühlen — ich habe ihn nicht mehr, die Kunst legt sich in den Weg, wenn wir das Absolute suchen, ich bin entschloßnerer Empörer als Sie. Sie lassen Rimbaud gelten, rechnen ihn wohl mit Picasso zu ihren Vätern — Rimbaud ging, nachdem er Paris mit dem Ruhm seiner zwanzig Jahre gefüllt hatte, zu den Barbaren, fortan ein Anonymer; das war Tat, so fern den Manifesten. Ich würde Sie ganz verstehn, wenn Sie auch die Kunst auf die Liste setzten, über der steht Mes Haines.“

„Europa ist dekadent,“ sagte Shiller, „wenn es Erscheinungen wie diesen kleinen Portugiesen hervorbringen kann.“

Lauda hatte ihn beim Croquet beobachtet. Es gab in Hannahs Haus nichts dergleichen, keinen Spielplatz, keine Stöcke, keine Kugeln; Shiller hatte den Platz eingerichtet, Material in Interlaken telephonisch bestellt, danach zog er Fräulein Betz, Doktor Nüßli und Fünfkorn zu Partnern, nicht unlebhaft, aber zäh. Dem kindlichen Spiel oblag er mit einer Ausdauer, die wie Hypnose war, Hypnose des Willens, der ein Ziel sieht, es erreichen wird. So einfach wie die Spielregeln war Bild der Welt in ihm. Die Wahrheit hieß Demokratie, der Friedensstörer und Bedroher der Völker Preußen; die amerikanische Demokratie, ausgebildetste von allen, nahm den Kampf auf, würde ihn bis zum Sieg durchführen. Daß er Sozialist war, wurde für die Zeit dieser Aufgabe nebensächlich, zuerst galt es, die Demokratie in allen Ländern einzuführen.

Er war Sohn eines Achtundvierzigers, sprach Deutsch, war nach Europa gekommen, um die Opposition der deutschen Demokraten gegen das kaiserliche System zu organisieren. Sein Lieblingsdichter war der, dessen Namen er führte, ohne mit ihm verwandt zu sein, Schiller; bei Schiller war die Begeistrung für redliche Ideale, das Temperament des Redners, der große Massen führt, die Dreieinigkeit des Guten Schönen Wahren. Lauda erinnerte sich der Amerikaner, die er in Brüssel gesehn hatte; dieser gab ihm dieselbe Empfindung der großen Menschenmaschine jenseits des Ozeans, die gleichförmige Hirne in Millionen Exemplaren hervorbrachte — Banalität und prachtvolle Jugendlichkeit, zähe Frische, die die Welt nach ihrer Absicht formen wird.

Aber er konnte nicht mit Shiller sprechen. Klang das, was er sagte, nach dem Sinn des Amerikaners, war er sein Mann, Übereinstimmung der Ansichten auf der ganzen Linie; paßte es nicht in die Idee Shillers, hatte er einen Gang zu bestehn, in dem jener heiß und unbefangen mit den größten Gemeinplätzen argumentierte, wahre Boxerschläge austeilte. Sie sprachen vom preußischen System. Lauda, fern jeder Billigung, suchte klarzumachen, daß es eben ein System war, als solches geschlossen, klar, bewundrungswürdig durchdacht. Solche geistige Betrachtung eines Augenblicks war Shiller unverständlich, er wollte widerlegen, was nicht widerlegt zu werden brauchte, sprach Leitartikel.

Hinter ihm stand Geldkraft, er kam mit Vollmachten. Sein Plan war, eine deutsche Zeitung zu gründen, die Gefangnen in den Lagern mit diesem Blatt von ihrer Blindheit zu befrein. Herausgeber sollte Fünfkorn sein. Es kamen die ersten Korrekturen, Lauda las den Eröffnungsartikel Fünfkorns. Er war logisch und es war erlaubt, daß jemand, der aus Überzeugung glaubte, daß Deutschland die Schuld am Krieg allein trug und die Entente, selbst zugegeben, daß auch sie vom Imperialismus herkam, die Sache des Rechts vertrat — es war logisch, daß dieser Deutsche soweit ging, mit der Entente in einer und derselben geistigen Front zu kämpfen; aber es widerstrebte zu hören, daß er sich das Geld zu diesem Kampf von ihr geben ließ, von ihr Unterhalt bezog.

Diese Auffassung vertrat auch, mit aller Deutlichkeit, Graumann. Spieß ließ sich den Bundesgenossen gefallen, Mitrofan und Nüßli zuckten die Achsel über das bürgerliche Unternehmen. Fünfkorn hatte sich nicht auf das Studium der verschiednen Weißbücher beschränkt, er hatte auch gelesen, was in den Pariser Blättern über den deutschen Geist gesagt wurde, daraus nach dem Gesetz des Gegensatzes die französische Auffassung von Zivilisation kennengelernt.

Das Ergebnis war ein Versuch, das Gedankengebäude der deutschen Geistigkeit zu konstruieren, wie es seit der Reformation über Hegel bis zu Marx und Lassalle errichtet worden war. Die Reformation war der Abfall vom Prinzip der selbstgewählten Bindung des Menschen durch eine überreale Idee, sie war, im Keim, die Proklamierung der Souveränität des Denkens. An Stelle Gottes war der Begriff des Staats getreten, der profanen Bindung, die Freiheit war also illusorisch, die irdische Autorität schlug den Freigelaßnen in neue, härtre Bande — Geburt der deutschen Subalternität. Hegel erklärte sie als Geist der Weltgeschichte, Marx und Lassalle waren nicht minder protestantisch, bereiteten das Bündnis von 1914, zwischen dem Sozialismus, autoritärem Mikrokosmus im preußischen Makrokosmus, und dem Militarismus vor.