Ernsthafte These, aber sie schwenkte ab zu dem, woran Fünfkorn gelegen war, der Empfehlung des französischen Systems als der einzig möglichen Methode, Gesellschaft aufzubaun. Für den denkenden Geist war das deutsche System ein Versuch der Lösung, das französische ein andrer, wie Hellas, die mittelalterliche Kirche Lösungsversuche gewesen waren. Die Grundidee eines Systems bedingte seine Größe und seine Beschränktheit. Man durfte innerhalb des praktischen Daseins von einem System sagen, es führe zu Konsequenzen, die unerträglich waren; man durfte nicht im absoluten Sinn, wie Fünfkorn tat, von ihm sagen, es beruhe seit nun vier Jahrhunderten auf Betrug, Lüge, List. Die Geschichte eines Volks war nie Betrug, sie war Schicksal.
Die Unfähigkeit, diese zwei Betrachtungsweisen der praktischen Wertung und der ideellen Anschauung auseinanderzuhalten, die Kleinlichkeit der Beweisführung, die nicht verschmähte, aus Boulevardblättern das Argument zu übernehmen, Goethe habe im Faust das Recht des sinnlichen Genusses gepriesen (Beweis für die Minderwertigkeit der deutschen Seele), die Empfehlung französischer Geister dritten Rangs, die als Ersatz für Kant und Hegel genannt wurden, verstärkte Laudas Abneigung, in Fünfkorn den geeigneten Führer anzuerkennen.
Graumann zog Lauda in die Whiskyecke und bot ihm eine Importe an, Zeichen, daß er sich etwas vom Herzen reden wollte.
„Sehn Sie,“ sagte er, „es ist bedauerlich, daß wir nicht die Kraft haben, unsrer Regierung den Krieg ohne fremde Subsidien zu erklären. Die Schwierigkeit liegt weniger auf finanziellem Gebiet — ich ließe mit mir reden — als auf geistigem, oder soll ich sagen moralischem. Ich lebe nun sein Jahren unter den Intellektuellen, komme aber selbst aus ganz andren Schichten, war Kaufmann, machte Geld — Geld gemacht, suchte ich es vernünftig anzuwenden, für mich und andre. Man war bereit, mir dabei zu helfen, gab mir die Rolle des Mäzen. Ich ließ es mir gefallen und suchte inzwischen den, der, mit schriftlichem oder gesprochnem Wort begabt, das ausführen konnte, was ich meine. In allen diesen Jahren wurde ich mit einigen Dutzend Künstlern und Literaten bekannt, es waren nicht alle Schwätzer, aber keiner so überlegen, daß man empfand: diesem ist Gabe des Geists ein anvertrautes Gut, für andre zu handeln — es war ihnen allen ein persönliches Gut, Ehrgeiz zu befriedigen.
Da ist dieser Fünfkorn. Er legte seine Militärbehörde ordentlich hinein, guter Anfang, werbende Handlung — warum zum Teufel läßt er sich nun von den Fremden, die ihre eignen Zwecke verfolgen, die Mittel geben? Warum wandte er sich nicht an mich, den Deutschen? Sie werden sagen, ich hätte vielleicht nicht genug durchblicken lassen, daß ich bereit sei. Aber eben das, dieser Mangel an Instinkt oder an Mut verrät seine Beschränkung. Nun geht er hin und verpfuscht eine schöne Sache. Die Geistigen kommen mir wie Gäule vor, die darauf brennen, Galopp zu laufen, aber sie haben Scheuklappen an den Augen. Ich lerne allmählich skeptisch denken vom Zustand der Geistigkeit. Da ist der kleine Lisbao: schöner Haß gegen bürgerliche Bequemlichkeit, aber können Sie daraus irgendeinen Hebel machen, die Verhältnisse aus den Angeln zu heben? Es ist alles bei ihm Nein, müßte er dieses Nein in Energie verwandeln, die man dem Ja zuführen kann, würde er jämmerlich versagen.
Ein tüchtiger Mensch ist Madeleine Betz, aber Frau, ungeeignet zur Führung von Männern. Spieß hat sich der Wirkung auf Deutsche begeben, bleibt hübsch innerhalb der französischen Partei, denkt an die Nachfolge von Jaurès. Mitrofan wälzt in seinem Kopf die europäischsten Gedanken, aber er schenkt sich die Mühe, die Zukunft aus den gegebnen Verhältnissen zu entwickeln. Bleibt Schreiner. Ich bin indiskret, wenn ich verrate, daß er sich seit Jahren von mir nährt, er kommt von Zeit zu Zeit, sagt: der Kapitalismus ist hündisch, enteignet ihn — und enteignet mich um zehntausend Mark oder Franken, je nach dem Land, in dem wir weilen. Der eine, der sagte: ich muß monatlich dreihundert Franken haben, Minimum des Lebens, alle andre Kraft und alles andre Geld sollen der Idee zugute kommen, auf den warte ich vergeblich.
Resultat: ich langweile mich und gerate in Gefahr, meine Bereitwilligkeit zu verlieren. Der dicke Graumann mit dem Spruch leben und leben lassen ist auf dem Weg, eine tragische Figur zu werden. Hätten Sie nicht Lust, dieselbe Sache in die Hand zu nehmen, die Fünfkorn nun verdirbt? Sie gefallen mir. Man muß, wenn man gegen die andren denkt, erst aus ihnen heraus denken können; man muß sie nicht niederknüppeln, sondern zum Leben zwingen. Überlegen Sie es; wenn Sie mir etwas vorschlagen, sage ich nicht nein.“
„Wie könnte ich Fünfkorns Rolle übernehmen?“ antwortete Lauda, „es wäre nicht weniger unanständig. Ich war gestern noch in einem deutschen Büro, bin nur beurlaubt. Griffe ich sie an, würden sie sagen, ich sei gekauft. Erst muß ich mich lösen, dann in das Neue hineinwachsen.“
„All right, so ist es richtig,“ sagte Graumann, „besuchen Sie mich in Zürich, Frau Hannah ist kein Hindernis, außerdem reist sie ab.“
Dies Gespräch fand am letzten Abend statt. Am nächsten Tag fuhren alle nach Zürich, Hannah und Mitrofan setzten die Reise zur Grenze fort, um durch Deutschland nach Rußland zu fahren. Wie sie sich einen Paß verschafft hatte, war ihr Geheimnis.