III

Lauda wohnte in Miß Lilians Pension. Auf seinem Tisch lag die Karte Zürichs, Erleichtrung der Besuche, die er machte. Sooft er eine neue Straße nachsah, zog er die Linie von der Pension zu ihr; die Karte bedeckte sich mit einem Netz. Dieses Netz, sagte er, ist wie einer der Schlüssel, die man auf Geheimschriften legt; es bildet eine Figur, unter der sich die fremde Siedlung einmal in der Erinnrung darstellen wird; es ist so persönlich und einmalig wie die Linien meiner Hand. Immer und überall legen wir solches Netz auf die Erscheinungen; auch das Bild, das ich von einem Mensch gewinne, ist nicht anders, ich stecke Momente ab, durch die er sich enthüllt, und dieses konstruktive Gebilde nenne ich dann seinen Charakter. Verkehre ich nicht viel mit ihm oder treten nicht Situationen ein, in denen er bestimmte Stellung nehmen muß, so bleibt es noch unvollkommner, als selbst das der Stadt, ohne daß doch ich, wir alle, den Hochmut aufgeben, zu glauben, man kenne einen Mensch. Wir wissen wenig vom andren, wir können ehrlicherweise nur feststellen, wie er uns in einem bestimmten Fall erschienen ist, Klarheit über ihn ist Schwindel.

Wie Bestätigung war der erste Besuch, den er machte, bei Fräulein Betz. Sie empfing im Schlafzimmer; der Schreibtisch und die Bücher standen darin, obwohl sie eine kleine Wohnung hatte; man konnte entweder sagen, sie habe in das Schlafzimmer allen Besitz von Wert und Liebe gebracht, die Teppiche, die Felle, die auf Reisen erworbnen Gegenstände, oder sie habe in einen Raum, der diese Dinge enthielt, auch noch das Bett gestellt, es kam auf dasselbe hinaus, Mittelpunkt und Sinn war das Bett. Es war ein kühler Abend, und im Kamin brannte ein Feuer.

Er hatte sie für ein etwas altjüngferliches Mädchen gehalten, nun wurde sie durch die Dankbarkeit, mit der sie vom Bett sprach, das Ruhe, Wärme und denkende Lage spendet, und die Unbefangenheit, mit der sie es tat, mütterlich. Es gab ihr Realität, hier war sie nicht mehr die ein wenig melancholische Einsame, durch die Welt irrende Geistige; in diesem Bett hatte ihre Mutter sie geboren und war gestorben — etwas von solcher Frauenatmosphäre war nun um sie selbst, und darin wiederum ein Hauch vergangner französischer Jahrhunderte, denn es war ein abstehendes Himmelbett, wie es Montaigne gepriesen hatte, mit einer richtigen Bettgasse, der Ruelle, wie sie sagte; fast konnte man sich die Geschichten Brantomes hier erzählt denken. Die Altruistin, die die Welt nicht mehr begriff, weil sie sich zerfleischte, hatte ihre kleine Welt, in der sie Genügen fand; die Pazifistin, die ruhelos als Wanderapostel umherreiste, verstand sich auf sich selbst zurückzuziehn, und wenn es Resignation war, in dieser Zeit an einem Schreibtisch für die Idee weiterzuarbeiten, enthielt die Resignation doch die Möglichkeit des letzten zähen Willens: bis zu einem Tischchen in die Enge getrieben, nahm er daran Platz. Sie trug ein loses Hauskleid, man sah ihre Gestalt, zarte, so viel mädchenhaftre als das Gesicht mit den nie durch Erleben entspannten Zügen.

Sie stand am Kamin, vor ihr, im Sessel, saß Lilian und schaute mit blauen Augen, das hartnäckige amerikanische Kinn gehoben, verzückt zu ihr hinauf, denn Fräulein Betz sprach von Amerika. Lilian stieß kleine Schreie der Freude aus, zum erstenmal sah Lauda sie bewegt. Madeleine erzählte, wie sie an dem Eiswasser des Hotels magenkrank geworden war: Begeistrung Lilians für ihr Land.

Lauda hörte aufmerksam auf die Worte des Mädchens, den augenblicklichen Sinn und den tiefren, aussagenden, der vielleicht in ihnen verborgen war — doch was sie sagte, war plaudernde Nichtigkeit, Freude am Belanglosen; Unterhaltung über rückwärts gelegne Dinge verhalf ihr zu der Illusion, gesehn und erlebt zu haben — dumme kleine Puppe, hübsche schlanke Puppe mit den gotisch vorgewölbten Hüften.

Sie schlug die Beine übereinander, und wenn sie wechselte, war es wie die Bewegung zweier Arme, die sich öffnen, um an sich zu ziehn — unmöglich, daß sie sich der erregenden Gebärde nicht bewußt war. In ihm ein Hin und Her. Ihre Harmlosigkeit und Dankbarkeit, reden zu dürfen, rührte ihn, die junge hilflose Sinnlichkeit, die an den Exhibitionismus kleiner Mädchen vor Fremden zurückdenken ließ, verstärkte dieses Gefühl, aber danach war alles Auslegung, sowohl: sie ist ein Mensch, der geschont sein will, ein Recht auf Leben hat, als auch: sie ist ein Mensch, der nicht geschont sein will, mir wider meinen Willen, dank einer Deutlichkeit, die ihre Angelegenheit ist, diese vergewaltigende Vorstellung der zweiten Arme und des geheimren Munds mit schwellenden Lippen gibt. Suche ich mir ein Bild von ihr zu machen, bleibt alles ungeformt, wenn ich an ihre „Seele“ denke; Bestimmteres, Züge stellen sich erst ein, wenn ich von der sinnlichen Seite sie betrachte, da erst bieten sich Vorstellungen ihres möglichen Temperaments, Warten auf Angriff, Provokation, die dann vielleicht in Empörung umschlägt — das heißt, daß man ihr zu einem moralischen Faktum verhelfen soll, das ihr erlaubt, endlich eine klare Haltung einzunehmen.

Ihr dazu zu verhelfen, sind andre nötig: Auffordrung an andre, den Dienst zu erweisen. Erweisen sie ihn, werden sie vermutlich abgelehnt — was ist das? Not, verständlich und zugestanden; aber auch Unmoralität im Sinn von Undankbarkeit und Unaufrichtigkeit. Vielleicht tat er ihr unrecht, er wußte es nicht, aber er war nun geneigt, sie in die Sphäre Masochs zu stellen.

Widersprechende Empfindungen auch Madeleine gegenüber. Es rührte ihn sowohl, sie in ihrer frauenhaften Häuslichkeit gesehn zu haben, als sie mit Lilian menschlich, fast mütterlich plaudern zu hören, doppelte Einsicht in Güte; aber als sie das Gespräch mit dem Mädchen abbrach, erhielt er einen Blick von ihr, der Achselzucken über die Trivialität der Amerikanerin war, mokanten einer schmallippigen Schulleiterin, die sich durch Abhören einen Einblick in die Reife eines Zöglings verschafft hat. Es deprimierte ihn; von Natur aus war stärkre Neigung in ihm, das „Gute“ im Menschen zu sehn als das Egoistische, gut im Sinn von Duldung, Gerechtsein, Existierenlassen ohne Urteilen und Verwerfen. Stand sie mit dem Rücken gegen ihn, sah er die zarte Gestalt; sah er das Gesicht, las er darauf die in die Jahre wachsende Verbittrung. Er kannte die Versuchung, aus einem Mensch einen Charakterzug herauszunehmen und als wesentlich hinzustellen, so gut aus seinem Handwerk und dem der Schriftstellergefährten; es war so bequem. In Wirklichkeit mußte man neben den einen Zug viele andre setzen und darauf verzichten, die Einheitlichkeit zu geben — Mensch war vielleicht nur ein Nebeneinander von Zügen, Wesen in der Zeitlichkeit.

D’Arigo wurde erwartet, kam nicht, Lauda ging mit Lilian allein nach Haus. Der Weg führte über den Zürichberg, entlang dem Wald, der einst bis zum See hinabgestiegen war, jetzt nur noch auf der Höhe die geregelten Irrlichter der Stadt umkränzte.