Sello sagte: „Es ist mir etwas begegnet, wovon ich nicht weiß, ob es mich entzückt oder stutzig macht: dieses Geschöpf (er wies auf die Statue), Produkt der innren Energie, Überhöhung der Wirklichkeit, lebt, sie war heute morgen hier und stand neben der Figur, ihre Kopie. Sie wird mich zwingen, meinen Stil zu ändern, ich wäre nur noch Modellnachahmer. Es ist eine junge Tessinerin, im ersten Jahr der Hetäre, die wiedererstandne Renaissancekurtisane, von einer ältren Schwester begleitet, die sie einführte. Die Grenzen sind geschlossen, sonst wäre sie die Sensation Roms; statt mit jungen Fürsten lebt sie mit den Zürcher Kriegsjuden. Sie ist sich ihrer Karriere bewußt, erlaubt königlich, daß man sie La Putana nennt, als sei es der Name einer großen Schauspielerin.“

Sello, umgänglicher Mensch, lud Lauda ein zur Zunft; einmal in der Woche trafen sich die einheimischen Künstler in der Trinkstube einer historischen Hotellerie, darin seit den Tagen der Humanisten jeder Europareisende von Rang abgestiegen war. Sie waren trinkfreudiger als Literaten, Malerei war sinnlichres Handwerk, Malerei hielt die Berührung, mehr, die Verbindung mit Scholle Gebirge Landschaft aufrecht; Malerei verwies auch auf die bodenständige erste Derbheit der Erscheinungen — so war um jeden etwas von der Philosophie des ebenfalls mit der Realität verwachsnen Gottfried Keller, mannhafter Freisinn bäurischer Färbung, sozialen Instinkts.

Dazu kam nach Wahl ein Akzidenz fremdländischer Reizung, Italiensehnsucht wie bei Sello, vergnügte Erinnrung an Münchner Treiben, Pariser Aufenthalt. Man war bei aller Freiheit eingeordnet in seßhafte Wirklichkeit, fand Aufträge und konnte sich darauf verlassen, daß das Organ der öffentlichen Meinung, die große Zeitung der geistigen Hauptstadt, gewissenhaft von Zeit zu Zeit den Namen druckte, kurz man durfte ruhig wie der Steuerzahler am Nebentisch seinen Veltliner trinken, man war nicht mehr als er, man war gut demokratisch soviel wie er.

Für Stimmung solcher Existenz und des Gewordnen, das sich auf Erden einrichtet, war Lauda nicht unempfänglich, und Herzlichkeit der Aufnahme verpflichtete menschlich; aber daß künstlerisch hier das Geruhige galt, sie alle in überkommner Atmosphäre lebten, nicht eine neue bildeten, war klar. Hier war noch Farbenfreude, Lust an der Unerschöpflichkeit der sichtbaren Dinge; sie malten Spargel Engadinsee Kuh, und Duft stand höher im Wert als Auflösung in Geometrie, Renoir höher als die Mathematik Picassos. Irgendwie bestand Zusammenhang, grundsätzlicher, beleuchtender, zwischen der Behaglichkeit des Stammtischs und der Überlegung Sellos, ob sein Stil nun gefährdet sei, weil in der Realität ein Modell aufgetaucht war, das ihn zum Kopisten machte. Daß solcher Zufall möglich wurde, bewies, wie gering Umformung war, die er mit der Natur vornahm.

Und was war von der Antwort zu halten, die d’Arigo gab, als Sello sich anbot, ihm La Putana zu schicken, damit er ihren Akt studiere — die Antwort war, er dürfe sein Werk nicht gefährden. Lauda bekam Sehnsucht, die Jungen, andren zu sehn, in denen Revolte war gegen die dumme Existenz einer Malerei, die nun seit vierhundert Jahren sich in der Sphäre der Realität eingerichtet hatte, den Zugang zur absoluten nicht anders fand als durch die Dialektik, Abbildung der Erscheinung ziele auf das Absolute hin, gemaltes und gemeißeltes Geschöpf lobe Gott.

Nein, das war in mittelalterlicher Kunst gewesen, als Geschöpf noch nicht dualistisch Selbstzweck war, sondern nur Schmuck und Lobpreisung in den dem Schöpfer gebauten Räumen. Nie sah er unmittelbarer die Sinnlosigkeit einer Beschäftigung, die inmitten einer bürgerlich fronenden Welt Weiber in ein Atelier führte, um sie auszuziehn und zu malen — kein Unterschied auch, wenn andre die Staffelei in die Landschaft stellten, Schönheit von Weidenbaum und Wiese einzufangen. Das alles war tragisch irreligiös in dem Maß, wie es religiös zu sein behauptete, letzte Verbeugung der Zivilisation vor dem verlornen Elementaren.

Er verließ die Zunft und ging dorthin, wo man die Jungen traf, ins Kaffeehaus. Die in der Trinkstube mißachteten das Café, nannten es die Börse der Heimatlosen. Die Literaten blieben nichts schuldig, hießen sie ihrerseits Bürger — es lag dieser Feindschaft objektiv eine Tatsächlichkeit zugrund; gemeinsame Norm, an der sie sich beide maßen, war das Verhältnis zur Realität, als welche philosophisch Sphäre der Existenz, des Sichtbaren, Getrennten, praktisch Bürgerlichkeit, Bejahung, Wille zum Positiven hieß. Kein Zweifel, wo die größre Geistigkeit war: bei den Literaten; sie warfen doch wenigstens wie der religiös, grundsätzlich denkende Mensch die Frage nach dem Wert der Bejahung auf, erklärten die Sphäre der Tat mitsamt ihrer optimistischen Philosophie des Du sollst Dich regen und bürgerlich voranbringen, als problematisch — Antwort auf diese Frage war also nur bei ihnen zu erlangen, und wenn sie hundertmal Nichtstuer, in der Luft Schwebende waren, sie waren diejenigen, die den Mut hatten, das Prinzip des Geists dem der Tat radikal entgegenzustellen, und es war klar, daß, wenn nach dem Krieg die Revision aller Grundlagen begann, das Prinzip der reinen Intellektualität gleichberechtigt neben das des Positivismus treten würde.

Die braven Maler waren Leute des Kompromiß, die Literaten Radikale der Idee. Bei ihnen allein war eine Parallele zum System der Geometrie zu finden, die, von gewissen letzten Abstraktionen ausgehend, eine Welt der Statik und Konsequenz errichtete. Das Werk Picassos war eine solche Parallele: die ersten Konzeptionen waren ganz, wie der Bürger und die Kritiker sagten, künstlich, ohne Beziehung zu seelischen Nöten und Bedürfnissen, aber das künstliche Gebilde begann zu sprossen und zu blühn, alle Vitalität und Säfte ließen sich ihm zuführen, so daß es ein Kosmos wurde wie ein andrer; das verstanden in deutschen Ländern die Leute nicht, klagten befremdet, daß in dieser Kunst nichts von Trost für ihren Seelenhunger sei, nicht Anhalt für ihre Ehe- und Gottprobleme.

So falsch. Sie wollten in der Kunst noch einmal die gegenständliche Welt sehn, in der Meinung bestärkt werden, daß diese Sphäre für sie das Wichtigste sei, ohne zu erkennen, daß sie nur Projektion einer absolutren Sphäre war, nur Vorwand, um deren Gesetze, Proportionen, Stoß, Gegenstoß, Mischungsverhältnisse sichtbar zu machen: sie wußten nicht, daß das reale Geschöpf nur ein Kristallisationszentrum für dynamische Kräfte war — Ausgangspunkt jenes Grauens, das Lauda bisweilen angesichts der Rührigkeit und des Optimismus des menschlichen Treibens überfiel; denn das nur als Vorwand dienende Geschöpf, diese Hemmung, an der die absolute Kraft sich brach, differenzierte, Eigenschaften gewann, sichtbar wurde, neu sammelte, hielt sich für selbständige Individualität, baute sein innres Leben aus, sprach in groteskem Mißverständnis von einem Gott, der ihm gutgesinnt sei.

Der Abend war warm, Gang die Kais entlang zum Café schön, aber er spürte das Grauen in allen Haarspitzen, hörte das böse Lachen aus der Lüge der Schöpfung und verstand, daß in dieser neuen Kunst, die nicht mehr die äußre Erscheinung der Gegenstände, sondern ihre innren Rotationsfiguren darzustellen begann, so seltsam neben den ernst Arbeitenden die Höhnenden, Überdrüssigen, Verwerfenden auftraten — aus gemeinsamer Wurzel entsprang der Geist der Demut und der Dissonanz, der bejahten Kunst und der Ironie.