Er fand Lisbao und Puck, Miß Lilian und Hans in einen Kreis unbekannter Menschen, aber es ward ihm nicht erlaubt Platz zu nehmen, Puck ging ihm entgegen, sagte:
„Wir brechen auf, zwei Autos warten, kommen Sie mit, zum ersten Versammlungsabend aller Ungegenständlichen und zur Besichtigung ihres Ausstellungshauses, das kein andres als mein eignes ist.“
Das Haus war in dem einen Tag umgestaltet worden, nicht wiederzuerkennen. In jedem Zimmer lag ein Teppich, an jeder Wand hingen Bilder — nur dadurch möglich, wie Puck sagte, daß jeder Künstler seinen Teppich mitgebracht und seine Werke selbst aufgehängt hatte. Da die Ausstellungshallen verweigert worden waren, hatten die Maler Selbsthilfe beschlossen. Hans führte Lauda vor seine Arbeiten in Tusche, Holz und Wolle.
„Auf morgen,“ sagte er, „sind die Kritiker geladen. Sie werden vor meinen Stickerein feststellen, daß ich ein begabter Kunstgewerbler sei, denn sie werden zwar begreifen, daß man in Wollfäden nicht Zwerge und Häuschen sticke, sondern abstrakte Flächen und Wertverhältnisse, aber sie werden nicht fühlen, warum ich das für höher als Malerei achte, für reiner. Denken Sie sich diese Komposition hier, die gleichnishalber wie ein Querschnitt durch die innren Organe, ihre Aufeinander- und Nebeneinanderlagrung ist, in Öl: es wäre zu direkt, die Farbe zu brutal, es wäre der wirkliche Querschnitt durch die geöffnete Bauchhöhle. Dadurch, daß ich die Farbe an ein Material binde, vergeistige ich sie, rücke sie hinaus; in uns, in mir wenigstens, ist eine Abneigung gegen die Heftigkeit der Farbe, ihre triumphierende, vergewaltigende Sinnlichkeit.“
„Mir ist es verständlich,“ antwortete Lauda, „vorhin, als ich zu Ihnen ging, dachte ich, daß die Energie, um sichtbar zu werden, Materie braucht, Materie ihr Kristallisationspunkt ist; Sie fügen eine neue Phase hinzu: daß, zum zweitenmal vollzogen, die Materialisation die Energie vergeistigt; die von der Materie auf den Künstler ausstrahlende Energie bedarf abermals der Kristallisation, Kunst ist durch zwei Instanzen von der primären Energie entfernt, Phantasie ist also Brechung und Hemmung, ein Widerstand — wessen? Offenbar des Individuums, des von der Totalität Getrennten, gegen die Totalität. Das erlaubt mir, die oft erhobne Forderung der Suveränität zu begründen und zugleich festzustellen, an welchem Punkt sie kunstfeindlich wird: wenn der Widerstand andauert, nicht nur dazu dient, die Materie prismatisch zu zersetzen; Suveränität ist also der durchgeführte Widerstand des Individuums gegen die Totalität, Kunst nur der kurzfristige.“
„Wir sollen nicht dauernd widerstehn,“ sagte Hans mit einer Herzenshöflichkeit, die aus dem Gefühl geistiger Begegnung kam, und Lauda empfand: mit ihm wird Freundschaft möglich sein, Ablehnung d’Arigos ward hier Milde.
Sie traten vor eine Tuschzeichnung Hans’. Lauda sagte:
„Durch Ihre von Lisbao vorgelesnen Gedichte bin ich dem Verständnis näher. Es ist eine phantastische Ballade, Märchenelemente darin, die Totenbarke Dantes oder die Versammlung der Bremer Stadtmusikanten; es steht frei, Marhaftes und Tierhaftes anklingen zu fühlen.“
„Ja, es ist der Niederschlag der Stimmung eines bestimmten Tags. Man kommt nach Hause; Erinnrung an Wald, Spuk, Barke im Licht, Gespanntes in sich und andren, Quälen, Gutzueinandersein zieht noch einmal aus dem innren Schacht, gleichzeitig, nebelhafter Schwaden abgeschiedner Gespenster: hier sind sie, in Schwarz gebannt, unmateriell, unaufdringlich; nicht Unterschrift und Legende darunter, sondern dem Beschauer überlassen, sie nach seinen eignen Erlebnissen auszulegen; denn auch diese, seine Erlebnisse, reduzieren sich auf Spannung, Härte, Weichheit, Atomverbindungen des Temperaments.“
„Wissen Sie auch,“ antwortete Lauda, „daß das, was Sie eben sagten, dazu nötigt, mit dem Begriff abstrakte Kunst vorsichtig zu sein? Sie geben den Niederschlag Ihrer Stimmung, Ihres Temperaments, in ihrem Fall eines unheftigen, pflanzenhaften, weichen Temperaments, Sie sind also nicht radikal abstrakt im philosophischen Sinn, denn dann wären Sie ganz unsinnlich, sondern nur mild sinnlich, annähernd abstrakt im anschaulichen Sinn eben der Kunst. Sie geben nicht reine Geometrie, sondern nur gereinigtes Gefühl wie im Lied des Musikers. Es ist aber theoretisch denkbar, daß ein Künstler auf die Stimmung verzichtet und nur Geometrie darstellt, er würde die Farbe, die Sie ja auch haben, ganz meiden, nur Linien gelten lassen, und sie wären nur noch die Verbindung von Punkten, durch Gerade oder Kurve.“