„Es ist nicht nur theoretisch denkbar, es hängt praktisch hier,“ sagte Hans lächelnd und führte ihn vor die Zeichnungen eines Hispanofranzosen. Es waren Querschnitte durch imaginäre Maschinen, die Kurve eines Beckens endete in einem Läutwerk, Bleigefäß mit Spirale, und um sich verständlich zu machen, hatte er gleichgültig oder herausfordernd längs der Kurve geschrieben: vagin brillant, schlüpfrige Scheide.

„Warum zeichnet er noch überhaupt, warum verzichtet er nicht? Er hat die Grenze der Kunst überschritten, muß Zyniker oder ganz Müder sein.“

„Sie erraten ihn gut, er spricht mit grenzenloser Gleichgültigkeit von Kunst, schleppt heute sein einst hart angreifendes Temperament müde durch die Welt, ein reisender Mylord, der zu träge ist, zu gehn, er nimmt eine Kutsche am Bahnhof, wenn das Hotel gegenüber liegt.“

Lauda: „Warum zeichnet er also noch?“

Hans: „Letzte Zuneigung, auch wenn er höhnt, letzte Illusion einer Beschäftigung, ich weiß es nicht, nur erträglich, weil wir frühere Sachen von ihm kennen, die ihn als Berufnen der Farbe auswiesen.“

Lauda: „Alle Künstler des Abstrakten werden diesen Weg sich öffnen sehn, der aus der Kunst führt. Sie werden more geometrico auf das Religiöse stoßen und den Pessimismus des Religiösen. Wer bis zum Religiösen vorstößt, wird unbrauchbar für die Sphäre der Realität, wo alles einzeln, von seinem Bruder getrennt ist; ich weiß heute, daß das es war, was mich der Existenz als Künstler entfremdete. Für mich steht abstrakte Kunst mit der gegenständlichen in der Sphäre des Anschaulichen; beide zielen auf das Primäre in den Erscheinungen, sie erreichen es nicht. Kunst, in welcher Gestalt sie auch auftritt, ist nicht vollendete Geistigkeit, nur angewandte; sie ist immer Veranschaulichung. Ist wirklich der Unterschied zwischen einem Maler, der unter Beibehaltung der menschlichen Gestalt einen in Farben rotierenden Organismus zusammensetzt, und dem, der ohne diese Beibehaltung Farbenwerte ausbreitet, so groß, daß er grundsätzlich wäre? Nein. Der Unterschied besteht nur darin, daß jener verführt wird, die Gestalt als Selbstzweck zu wollen und zu vergessen, daß sie bloß Kristallisationspunkt, Hemmung, Widerstand ist, und daß dieser dem Absoluten näher kommt, der Vorstoß in die Sphäre des Primären deutlicher, also die religiöse Ahnung unmittelbarer wird. Der vollkommen religiöse Zustand aber wäre passiv, buddhistisch — Kunst unterscheidet sich von Religion durch ihren Gehalt an Aktivität, Kunst ist Wille, Religion ist Sein, Kunst ist optimistisch, wie alle Tat optimistisch ist, Religion ist pessimistisch, Rückkehr zur unpersönlichen Totalität.

Hans: „Daß Religion pessimistisch sei, ist meinem Gefühl unerwartete Behauptung. Meine Stimmung der Welt gegenüber ist religiös, aber sie ist gerade darum duldsam, nachsichtig, von einem aus Komik und Liebe gemischten Mitfühlen, voll des Wunschs, daß jeder der kleinen oder großen Narren seinen Willen habe.“

Lauda: „Wie sehr bestätigen Sie mit diesen Worten meine eignen. Mitleid, Komik, Duldsamkeit sind Ausstrahlungen des Pessimistischen, gemildert durch das Jasagen, das sich mit der Tatsache, daß wir nun einmal existieren, abfindet. Ihre Stimmung ist also eine Mischung — ich fälle die Mischungsteile und erhalte als den primären Teil: das Nein.“

Hans: „Ich will Ihnen einen andren unsrer Maler zeigen, den religiösesten, in dem die Sehnsucht nach Gott so wenig pessimistisch ist, daß sie sich ganz mit Ethik, Gutsein identifiziert; er ist nah daran, an den persönlichen Teufel als das Prinzip des Bösen zu glauben, und quält sich in von uns allen nur geahnten Kämpfen, ihn durch Zucht des Willens zu überwinden — er ist in die Netze der Christian Society geraten und spricht wie ein Buddhist davon, daß es keine Krankheit gebe, wenn man den Willen zum Guten nur so steigre, daß er sie besiegt. Als sein Bruder neulich, abgestürzt und zerschmettert, auf den Tod lag, beschwor er den Ohnmächtigen, seine Lebensgeister zusammenzuraffen, und raufte in biblischer Verzweiflung die strähnigen Indianerhaare, weil seine eigne Kraft nicht groß genug war, den Sterbenden der Lockung des Tods zu entreißen.“

Lauda: „Erscheint Ihnen das als Widerspruch? Das Verständnis stellt sich ein, wenn Sie von seinem Glauben an den Dämon Teufel ausgehn. Der Wille zum Ja symbolisiert in ihm das pessimistische Grundgefühl, kämpft gegen es an, und der Glaube an das Gute ist nichts als ein diktatorischer Versuch, das Ja stärker als das Nein sein zu lassen. Außerdem sind Güte, Mitleid, Duldsamkeit ein Ausweg, um sich trotz des Wissens um die Sinnlosigkeit des Geschehns in der Sphäre des Geschehns einzurichten, sie sind die suveränste Leistung des ausgesetzten Geschöpfs — fast gelingt es ihm, sich von seiner tragischen Hilflosigkeit frei zu machen; sie sind rührende Illusion, die über die Grausamkeit des Existierenmüssens hinwegtäuscht.“