»Ist das ein Nachteil? ›Liebe deinen Nächsten als dich selbst‹, sagt die Schrift.«

Der Doktor fand einen Ausweg.

»Man muß es eben verstehen, aus dem Boden der Familie Kraft für die eigene Persönlichkeit zu ziehen. Natürlich soll man sich selbständig entwickeln. Aber darf man nicht dennoch etwas haben, woran man sich anlehnen kann, wenn müde Stunden kommen?!«

Julie hatte eine lächelnde Empfindung: wie mochte es aussehen, wenn dieser blonde, gesunde Mann sich müde an seine Familie lehnte, an den weißen Kopf seines Vaters oder an Marthas schlicht abfallende Schultern?!

»Ich sage ja nur, daß gerade die Familie einen hindern kann, überhaupt selbständig zu werden; da sind Rücksichten und Bedenken ...«

»Und gerade diese bilden die treffliche Erziehung des Familienlebens,« entgegnete der Professor lebhaft. »Sollen wir doch einer dem anderen helfen, mit Liebe, Nachsicht und Demut, einander fördern auf dieser irdischen Reise. Wir sollen entsagen lernen und unser Selbst verleugnen ...«

Julie blickte mit einem Anflug von Mitleid auf die scharfen Züge des alten Mannes; in diesen Falten lagen allerdings ganze Geschichten von Entsagung, und man suchte vergebens nach einer weichen Fläche, die von Lebensfreude hätte sprechen können. Sie empfand ein Grauen, als sei sie in dieses Gerechten Gewalt gegeben und müsse ihm gehorchen. Blumen, Sonne und Farben wurden blaß und glitten in unerreichbare Ferne, und an den Wänden standen Drohungen. Sie warf ängstlich den Kopf in die Höhe.

»Ein Recht zu entsagen habe ich nur dann, wenn ich es aus eigener Erkenntnis und freiem Willen tue.«

Der Doktor horchte.

»Wie stolz Sie sind! Es ist gewiß ein hoher Standpunkt ...«