Aber der Vater unterbrach ihn.
»Nein, nein, das wäre pharisäischer Hochmut. Entsagen heißt: das eigene arme Ich ausstreichen und sich in Gottes Willen fügen!«
Julie schwieg. Und der Doktor Johannes war ihr vielleicht dankbar dafür.
Als man nach dem Essen unter Thorwaldsens Christus saß, griff der Professor das Thema von neuem auf.
»Sehen Sie, liebes Kind, neulich hatte ich einen Brief von Ihrem Vormund. Er schrieb, Sie seien nun hier, und ich möchte mich in Erinnerung an Ihren seligen Vater Ihrer ein wenig annehmen, nun, Sie wissen ja, daß Sie bei uns wie zu Hause sein sollen, ja, und da schrieb er auch von Ihrer Schwester Marianne. Die ganze Familie war mit dieser Verlobung erst nicht einverstanden, nicht wahr? Ich weiß nicht, ob es nur Demut und Selbstverleugnung war, was Ihre Schwester bewogen hat, den Antrag dieses einfachen Mannes anzunehmen; aber ich möchte glauben, daß beides in ihr mitgesprochen hat, als sie den Entschluß faßte, ihm fürs Leben zu folgen. Nun sind die beiden so glücklich geworden. Muß man da nicht von Gottes Fügung sprechen, die alles besser gemacht hat, als die Familie es je für möglich gehalten hätte, die schon jetzt für die demütige Ergebung in seinen Willen reichen Lohn schenkt?« Julie wurde rot und dachte an die Tage, die jener Verlobung vorausgegangen waren; sie fühlte sich plötzlich verantwortlich für Marianne, nicht gerade, weil sie ihre Schwester war, sondern aus jenem Solidaritätsempfinden heraus, das das ganze Geschlecht verbindet. Eine Art von Scham erwachte in ihr, daß hier ein Mann daranging, etwas aufzudecken, was für die Frau immer keusch und unberührt bleiben sollte; und dann fühlte sie eine ärgerliche Gereiztheit, wie täppisch doch diese Hände wären, wie pfiffig und plump der Versuch, an dieser simplen Verlobungsgeschichte beweisen zu wollen, wie Gottes Gerechtigkeit die Entsagung belohne.
»Meine Schwester hatte ihn einfach lieb!« sagte sie schroff.
»Ist die eheliche Liebe kein Geschenk Gottes?«
»Und weil sie ihn lieb hat, kann von Entsagung nicht die Rede sein!«
»Nun, — die Verhältnisse, in die sie gekommen ist, sind doch wohl recht einfach,« meinte der Professor behaglich. »Es wird manche Träne gekostet haben, sich dahinein zu gewöhnen, fürliebzunehmen mit einem niedrigen Hause, mit der Einsamkeit des Landlebens, den bescheidenen Freuden eines Dorfschullehrers ...«
»Sie hätte es doch anders haben können!« meinte der Doktor, »und darum erscheint es mir als ein Zeichen von Demut, daß sie ...«