»Wenn man jemand lieb hat, muß man alles für ihn tun können, nicht aus Demut, nicht aus Entsagung, sondern aus Liebe. Das ist nicht weiter gut oder groß, sondern natürlich und selbstverständlich!«
»Nun ja, gewiß,« stimmte der Doktor bei.
Julie war verstimmt. Das Gespräch erschien ihr plötzlich unnötig. Sie war mit der Absicht hergekommen, von diesen Menschen etwas zu lernen, und fand sich enttäuscht. Sie hatte sich selbst aus dem Spiele lassen, nur Neues aufnehmen, irgendeine Feinheit verstehen, eine scharfgezeichnete Linie sehen, andersgeartete Anschauungen hören wollen. Davon war hier nichts zu finden. Dies war weder friedlicher Meinungsaustausch noch ehrlicher Kampf. Vielmehr nichts anderes, als rechthaberisches Gezänk, wie etwa Kinder sich um ihre Spielsachen streiten. Da wurden Worte falsch gedeutet, Begriffe verschoben, jeder saß trotzig ernst auf seinem Stuhl und dachte nicht daran, dem andern entgegenzukommen, und dazu diese ölige, versalzene Milde, wie eine schlecht zubereitete Mayonnaisensauce! Und was das schlimmste war: sie selbst wurde von diesem Ton angesteckt, sie blieb nicht bei der Sache, suchte nach spitzen Entgegnungen und fühlte sich klein und häßlich.
Der Doktor wollte einlenken.
»Alles, was aus Liebe geschieht, steht jenseits von Gut und Böse.«
Da lachte Julie. Und mit diesem Lachen hatte sie ihre gute Laune wiedergefunden.
Martha hatte während der Unterhaltung schweigsam in einer Ecke gesessen. Wovon Julie sprach, das hatte sie wohl schon manchmal gelesen, aber noch niemals aussprechen hören. Sie hatte Ähnliches auch schon gedacht, aber noch nicht den Mut gehabt, davon zu reden. So lauschte sie ängstlich und begeistert auf Julies Stimme, mit der leidenschaftlichen Erregung der schwachen Seele, die nur in ihrer Phantasie den Kampf wagt und Triumphe feiert.
Julie verstand sich nicht auf solche Wesen; sonst hätte sie eine dankbare Wärme und den fast flehenden Ausdruck einer Bitte empfunden, als Martha ihr beim Weggehen sagte:
»Kommen Sie recht, recht bald wieder!«
Doktor Johannes begleitete Julie nach Hause. Das ließ er sich nicht nehmen, den ganzen Abend hatte er sich darauf gefreut. Nicht eigentlich gefreut, aber er hatte darauf gewartet, als müsse er sich verteidigen oder sie wenigstens über sich aufklären, als dürfe er es unter keinen Umständen zulassen, daß sie mit diesem, wie er meinte, unfertigen Eindruck Von ihm wegginge. Oh, es wäre im Grunde natürlich ganz gleichgültig, was andere Menschen über ihn dächten; man mochte ihn getrost verurteilen. Johannes liebte es, sich ein wenig als Märtyrer zu fühlen. Er wußte ja genau, daß er richtig handelte, wenn er mit kindlicher Ehrfurcht seine Anschauungen vor dem Vater verbarg. Aber, nun ja, er hätte doch gern mit Julie darüber gesprochen. Er redete sich vor, sie würde ihn verstehen, vielleicht bemitleiden oder gar bewundern.