Als sie um die Straßenecke bogen, fing er an: »Sie waren vielleicht erstaunt, daß ich meinem Vater gegenüber mit meiner Meinung etwas zurückgehalten habe. Meine Situation zu Hause ist nicht ganz einfach. Meines Vaters Anschauungen sind streng orthodox. Für ihn als Professor der Dogmatik besteht ja auch geradezu die Notwendigkeit, seine Stellung zu religiösen und ethischen Fragen genau zu präzisieren.«

Es freute ihn, wie klar er sich ausdrückte. Die Worte klangen rund von den Häuserwänden zurück. Seine Schritte waren fest und bewußt. Es schien, als wolle die Stille der Straße seiner Energie noch besonderen Nachdruck verleihen.

Julie betrachtete ihn. Aber ehe er fortfahren konnte, sagte sie etwas, wovon ihr erst in diesem Augenblick einfiel, daß sie während des ganzen Abends den Wunsch gehabt hatte, es auszusprechen. »Ich finde, Sie haben keinen Mut!«

Das hatte der Doktor freilich nicht erwartet. Aber gleichzeitig empfand er merkwürdigerweise ganz deutlich, daß nur dieses über sein Verhalten gesagt werden konnte. Er suchte nach einer Entgegnung: Kindesliebe, väterliche Autorität ...! Doch plötzlich hatte er den Wunsch, sie möchte weiterreden. Er fühlte eine ferne Möglichkeit von Freiheit.

»Sie haben doch das Recht, Ihre Meinung zu vertreten. Wollen Sie Ihren Vater täuschen? Das glaube ich nicht. Oder wollen Sie aus Ehrfurcht vor ihm schweigen? Ich wäre traurig, wenn mein Kind nicht mehr von mir gelernt hätte, als zu schweigen oder Beifall zu klatschen, wenn ich rede. Und ich denke es mir den glücklichsten Augenblick, wenn mein Kind mir zum ersten Male aus Überlegung widerspräche.«

Johannes hatte eine peinliche Empfindung. Daß sie von ihren Kindern sprach, war ihm unangenehm. Er hätte sie sich weiblicher gedacht.

»Jedenfalls kann ich mir nicht denken, daß man dabei glücklich sein kann,« fuhr Julie fort.

»Nein, nein, ich bin auch nicht glücklich,« stotterte Johannes. »Wie ich Ihnen schon sagte: meine Situation ...«

»Übrigens wäre es verständlich, wenn Sie wirklich schweigen wollten. Die natürliche Empfindung der Innigkeit, die Eltern und Kinder verbindet, macht es uns, den Kindern, eigentlich unmöglich, die Eltern belehren zu wollen. Aber wie einer es ertragen kann, schweigen zu müssen, seine Persönlichkeit unterdrückt zu sehen, das kann ich nicht begreifen.«

Sie gingen eine Weile nebeneinander her, ohne etwas zu sagen. Johannes hatte sich diese Unterhaltung anders gedacht. Er war nicht zufrieden. Aber er mochte sie nicht abbrechen. In der Nachtluft ging es sich so behaglich, und eigentlich hörte er es gern, wenn sie über ihn sprach. Seine Gedanken waren vielleicht schon gar nicht mehr bei der Sache, und nur, um irgendetwas zu entgegnen, fragte er: