»Wie soll man anders handeln?«
»Indem man seine persönliche Freiheit behauptet.«
»Wie denken Sie sich das? Soll ich den häuslichen Frieden stören? Soll ich widersprechen?«
»Nein!« Julie schüttelte den Kopf. Sie dachte nach; sie überlegte ganz ernsthaft, wie dem Doktor geholfen werden könnte. Sie wurde sich gar nicht bewußt, daß sie zum ersten Male einem erwachsenen Menschen nach eigener Überlegung einen Rat geben wollte, und daß es eigentlich ein etwas komischer Fall sei, einem jungen Privatdozenten Verhaltungsmaßregeln darüber zu erteilen, wie er sich seine Selbständigkeit bewahren solle. Plötzlich fragte sie unvermittelt: »Wohnen Sie bei Ihrem Vater?«
Natürlich, das täte er. Warum sollte er auswärts wohnen?
»Nun ja, damit würde ich anfangen. Ich würde mir zwei Zimmer mieten, in einer ganz anderen Gegend von Berlin, die würde ich mir nach meinem Geschmack einrichten, mit Bildern, Vasen und Blumen; dann hat man doch erst mal ein richtiges Zuhause, wo man bei sich selbst ist. Und dort müssen Sie so leben, wie es Ihren Anschauungen entspricht. Und ...«
Sie brach plötzlich ab. Sie wunderte sich mit einem Male, daß sie so eindringlich zu ihm gesprochen hatte.
Johannes war in einer weichen Erregung. Sie hatte recht. Natürlich hatte sie recht. Wenn er allein wohnte, durfte ihm keiner dreinreden; dann war er Herr in seinem Hause.
So dachte er. Aber fühlte er nicht auch etwas Warmes, Unbekanntes? Erregte es ihn nicht, daß da eine neben ihm ging, daß das ungewisse Licht der Laternen ein feines Profil zeichnete, das wieder erlosch, wenn sie vorüber waren, daß seidige Haare leise zitterten, und wenn der Abendwind sie aufhob, das Weiß einer Schläfe schimmerte?
»Und dann?« fragte er nach einer Weile.