»Das müssen Sie selbst ausfindig machen!« sagte sie und lachte kurz. Wie war er hilflos! Das belustigte sie wieder. Aber sie wollte sehen, was daraus wurde.
»Wenn es so weit ist, können wir ja weiterberaten,« meinte sie vergnügt.
Nun waren sie vor dem Hause angelangt, und sie gab ihm die Hand. Er war unschlüssig, ob er ihr danken müsse, oder ob er sie fragen könne, wann sie wiederkäme. Aber das war nun zu spät, denn die Tür fiel schon ins Schloß.
Er ging langsam den Weg zurück und beschäftigte sich mit dem Plan, eine Junggesellenwohnung zu beziehen. Aber es war etwas in der Luft, was seine Gedanken immer wieder aufstörte und zu ganz fernliegenden Dingen gehen ließ. Er erinnerte sich der Buden seiner Freunde, der Plüschmöbel, der Koffer in der Ecke; dann fiel ihm ein, daß er da manchmal Besuch angetroffen hatte, Damenbesuch, ein kicherndes Lachen lag ihm plötzlich im Ohr; dann flirrten allerhand Worte an ihm vorüber, von goldener Studentenfreiheit, und er dachte mit einem Male, daß er solche Erlebnisse nie gehabt hatte.
Er bog um die Ecke; da stand noch wie vorhin die verschlafene Droschke. Hier hatte Julie von dem Kinde gesprochen. Und nun fühlte er wieder etwas Warmes, als ginge sie neben ihm, er empfand etwas Körperliches.
Doch als er dann die Tür des väterlichen Hauses aufschloß, war nichts von allem mehr da; er klinkte auf, tastete sich hinein, so gewohnheitsmäßig, als käme er aus dem theologischen Seminar.
Julie fand in ihrem Zimmer einen Brief von Marianne vor. Es war ein Bericht über die Hochzeitsreise und ihr warmes Nest, in das sie nun mit Lukas eingezogen sei. Es fehlte nicht an einigen Stellen, die frauenhaft erfahren klingen sollten. Zu anderen Zeiten würde Julie sich darüber mokiert haben. Aber jetzt mußte sie plötzlich und ohne jede Veranlassung an Johannes Stockmann denken.
Julie zerriß den Brief, ohne ihn zu Ende zu lesen, und warf die Stücke in den Papierkorb. Dann griff sie nach einem Buche ...
Doch nein! Sie legte es wieder fort und begnügte sich damit, an Agnes Elisabeth zu schreiben und ihr eine scharfe Schilderung von dem nußbaumpolierten Ton in der Familie Stockmann zu geben.