Um diese Zeit fingen sie im Dorfe an, über Agnes Elisabeth zu sprechen.

Es war nicht der gewöhnliche Klatsch, der von Haus zu Haus geht, sich an den Ofen niederläßt, sich behaglich breit macht und wichtig tut, als könne er allein die Unterhaltung führen, bis er langweilig wird, weil er keine neuen Geschichten mehr zu erzählen weiß, und schließlich in einer Ecke stehenbleibt und vergessen wird.

Über Fräulein Hellwege sprach man in anderer Art.

Irgendwo einmal waren ein paar Worte gefallen, sie sei zuzeiten so wunderlich. Keiner hatte diese Worte aufgehoben, sie waren im Staube des Alltags liegen geblieben. Aber unter dem Staub mochte doch fruchtbarer Boden gewesen sein, der Bauern bedächtige Zweifelsucht, ein unbewußter Argwohn gegen alles, was außerhalb des Verständnisses ihres Standes lag.

Als die warmen Tage mit den lichten Abenden vorüber waren und zum ersten Male des Morgens Reif über den Wiesen schimmerte, da war ein Flüstern aufgewacht, und keiner wußte, von wannen es gekommen war. Es war da, wisperte hier ein Weilchen, glitt an den Zäunen entlang, raschelte drüben am andern Ende des Dorfs ...

Sie sei wunderlich geworden. Tagelang gehe sie durch Haus und Garten, ohne ein Wort zu sprechen, mit dem nämlichen blassen Gesicht. Einige hatten sie des nachts in einem langen, weißen Kleide gesehen; vor der Laube stehe sie und rühre kein Glied, sagten welche, und andere erzählten, sie sei ganz langsam durch die Tannenallee gegangen, hinauf und hinunter, und wieder hinauf und hinunter, bis die Kirchenuhr drei geschlagen habe. Der Pastor traf sie auf dem Kirchhofe; da kniete sie vor dem Grabe ihrer Mutter, und es war ihr gleichgültig, ob einer an ihr vorüberkam, sie kniete und betete; oder sie pflanzte Blumen auf dem Hügel, am nächsten Morgen aber riß sie die Blüten ab und zerbrach die Stengel. Einmal war sie verschwunden, irgendwo in der Heide oder im Moor mochte sie sein, und erst am Abend des zweiten Tages kehrte sie heim und trug Blumen im Haar.

Solche Dinge flüsterte man, weder aus Neugierde, noch aus Teilnahme; es war nichts anderes, als der einfache Vorgang, daß etwas herumkam, und daß nun alle darum wußten.

Im Lehrerhaus gab dies Anlaß zu einiger Verstimmung. Lukas Allm war voller Mitgefühl und hatte allerhand Pläne im Kopf, daß Agnes Elisabeth zu ihnen ins Haus ziehen solle, oder daß sie reisen solle, daß er an den Vormund schreiben oder einmal mit ihr selbst sprechen müsse.

Marianne hingegen fühlte sich bloßgestellt und grollte mit Agnes Elisabeth. Sie wollte nur um Gottes willen kein Familiengerede und meinte, dies alles sei ohne Belang.

»Man muß ihr nur Zeit lassen, dann wird sie schon von selbst darüber hinwegkommen,« sagte sie und fühlte sich dabei älter als die Schwester und mit allen inneren Erfahrungen einer verheirateten Frau ausgestattet.