Er kam an Hellweges Haus vorüber. Es schwieg in dem schreckhaft bewußtlosen Licht, mit dem der Tag nach dem Kampf der ersten Dämmerung noch einmal die Augen öffnet, um zu sterben.
Mitten auf der Straße blieb er stehen, bis die Schatten der Nacht sich hoben und um ihn herumstanden. Da lächelte er, ein grausames Lächeln, und dann ging er nach Hause.
Zu derselben Stunde erhielt Agnes Elisabeth die Anzeige von Heinrich Craners Verlobung mit Fräulein Ellinor Grünhagen. Dabei fand sich ein Brief: ein paar Worte, daß er ihr doch niemals hätte geben können, was sie brauchte, daß sie ihm das freundliche Gedenken einer Schwester bewahren möge, und was in solchen Fällen sonst noch geschrieben zu werden pflegt.
Agnes Elisabeth las beides mit vollkommener Ruhe, wie die Mitteilung einer gleichgültigen Person. Der ihr das geschrieben hatte, war auch längst nicht mehr derselbe, der ihre Gedanken beherrscht hatte.
Als es dunkel geworden war, ging sie zu Marianne, um ihr ein Rezept zu bringen, um das sie gebeten hatte.
Marianne hieß sie mit ungewöhnlicher Feierlichkeit willkommen, brachte sie ins Wohnzimmer, schloß behutsam die Tür, griff nochmals nach der Klinke, trug die Lampe auf einen kleinen Tisch an der Wand, setzte sich neben Agnes Elisabeth und hatte etwas auf dem Herzen. Sie druckste eine Weile, und als Agnes Elisabeth endlich von dem Rezept anfing, kam es:
»Ich muß dir etwas sagen!«
Dann erfuhr Agnes Elisabeth unter Flüstern, daß Marianne um Weihnachten herum ein Kind erwarte. Es flossen Tränen, und Marianne war stolz auf sie. Denn neben echter Freude nahm doch das Gefühl der Wichtigkeit den größeren Platz in ihr ein. Auch war sie schon ganz von dem Egoismus der jungen Mutter beherrscht, die an nichts anderes denkt, als an ihr Kind.
Sie bezog es auf sich, als Agnes Elisabeth beide Hände vor ihr Gesicht legte und weinte; und Marianne freute sich dessen.
Aber Agnes Elisabeth weinte um anderes. Sie weinte, wie Kinder weinen, die sich verlaufen haben und nicht nach Hause finden können.