Zwar suchte Agnes Elisabeth schon lange nicht mehr nach einem Wege, erst jetzt aber wußte sie, daß sie sich verlaufen hatte und niemals mehr nach Hause finden würde.

XXII

Evelyn war nun mitten in der großen Welt.

Sehnte sie sich nicht zurück nach den feinen Tönen ihrer spielenden Träume, nach ihrer grünen Wiese, nach ihren Pfauen, nach ihrer kindlich-souveränen Verachtung? Gewiß nicht! Denn mit unbewußter Sicherheit und dem leichten Schritt fröhlichen Genießens ging sie durch alles Neue hindurch, nahm, wovon sie mochte, fand vielerlei und atmete und lachte. Was vergangen war, war noch bei ihr, aber nicht als eine wehmütige Erinnerung. Es war ein Teil von ihr geworden, ein Stück ihres lächelnden Selbsts, das ihre Augen heller machte. Es geschah nie, daß sie sich schmerzlich nach der Vergangenheit umgewendet hätte, ebensowenig, wie sie an die Zukunft dachte. Sie liebte weder die Erinnerungen an das Gestern, noch kleine Hoffnungen auf Morgen und Übermorgen. Heute lebte sie, und sie hatte genug zu tun, wollte sie alle Schönheiten zusammentragen, wie sie früher Blumen in ihren Schoß gesammelt hatte.

Während des Sommers waren sie im Schwarzwald gewesen, und als es kalt wurde, hatte der Arzt gesagt, Tante Sophie müßte nach dem Süden. Onkel Wilhelm konnte sie nicht begleiten, denn es lagen umfangreichere Aktenstücke auf seinem Schreibtische als je, Rena durfte ihre Stunden nicht versäumen, so war es selbstverständlich, daß Evelyn mit ihr ging.

In einer Villa dicht bei St. Raphaël wohnten die beiden, machten Spaziergänge, saßen im Sonnenschein auf ihrer Terrasse und abends vor dem Kaminfeuer, empfingen ab und zu Besuche, freuten sich, wenn sie wieder allein waren, und gaben einander gern die zarten Zeichen einer wachsenden Vertrautheit, die den Altersunterschied vergessen machten.

Es zeigte sich, daß auch Sophie Craner viel Schönheitssinn besaß, und daß Evelyns Träume eng mit verfeinerten Lebensbedürfnissen zusammenhingen, die Tante Sophies elegantem Luxus nicht allzu fern standen. Wenn es kein Kleid sein konnte aus Rosenblättern oder dem Atlas, der abends über stillen Wassergräben liegt, so tat es auch eine Toilette aus Seidenchiffon oder ein Hut aus Spiegelsammet. Das war kaum ein Schritt, und Evelyn hatte ihn bald getan.

Sie sprachen viel miteinander. Evelyn bekam dabei mehr zu hören, als Tante Sophie anfänglich hatte sagen wollen, und sie erwiderte solches Vertrauen durch eine feine Dankbarkeit. Oft schwiegen sie auch und empfanden den Rhythmus gleichartiger Stimmung. So bildete sich unbemerkt ein gegenseitiger Einfluß, der zwar ihr Wesen nicht änderte, aber gewisse Seiten an die Oberfläche brachte, die bisher in der Tiefe gewesen waren.

Und ihr Leben hier, losgelöst von heimatlicher Enge, in der Stille der kleinen Villa, den duftenden Garten und das unendliche Meer vor Augen, und etwas weiter entfernt, aber doch deutlich zu spüren, ein gewisses Parfüm des eleganten Badeorts, war recht geeignet, die neue Freundschaft zu befestigen.

Nun kam noch ein gemeinsames Erlebnis dazu.