»Julie ...!« War es so weit, daß er fragen konnte?

Sie besann sich eine Weile. Dann ging sie zu ihm. Es war nur von einer Ecke des Zimmers bis zur anderen, und das Zimmer war nicht groß. Aber es war ihr, als ginge sie einen langen Weg, als ginge sie durch Säle, schimmernde Säle, die sie nicht kannte, und die doch immer da gewesen sein mußten und nur auf sie gewartet hatten.

Als sie endlich bei ihm war, tat sie die Hände auf seiner Brust zusammen und gab sich ganz in seine Arme.

Nun war das andere da. Und es brachte schon einen Schimmer von dem Lichte jener Stunde, in der sie ihm ganz gehören würde.

XXVI

Kurz vor Weihnachten erhielt Julie einen Brief von Professor Stockmann. Darin stand, er wolle sie gern in einer wichtigen Angelegenheit sprechen, ob sie noch vor dem Fest zu ihm kommen könne. Dann folgten noch ein paar geheimnisvolle Andeutungen, von der rechten Weihnachtsfreude, die auch in ihr Herz Einzug halten möge, daß wir in dieser begnadeten Zeit recht daran denken sollten, unseren Mitmenschen Liebe zu erweisen und deren Liebe in der rechten Demut hinzunehmen ...

Es war der 23. Dezember, ein kalter Tag mit klarer, starrer Luft, und Julie ging nun zu ihm. Gemächlich schritt sie zwischen den Tannenbäumen hindurch, die überall auf der breiten Straße standen.

Sie dachte nicht darüber nach, was der Professor von ihr wolle, ihre Gedanken waren bei Agnes Elisabeth. Es tat ihr mit einem Male leid, daß Agnes Elisabeth Weihnachten ganz allein sein würde. Wie gut, daß sie wenigstens Zeit zu einem langen Brief gefunden und ihr das Bild und die Bücher geschickt hatte. Einen Augenblick stiegen Zweifel in ihr auf, ob sie nicht doch nach Hause fahren oder ihr wenigstens offen den Grund ihres Hierbleibens hätte sagen sollen. Aber ... Plötzlich hörte sie ihren Namen nennen. Sie blickte auf.

Heinrich Craner stand vor ihr, neben sich eine elegante junge Dame. Schade, daß die Farbe des Kostüms nicht zu dem Blau des Hutes paßte, stellte Julie fest.

»Ah, so fleißig, daß Sie selbst Weihnachten nicht nach Hause fahren? Darf ich Ihnen meine Braut vorstellen?«