»Mein liebes Fräulein Julie!« begann er. »Ich habe es mir reiflich überlegt, ehe ich Sie bat, zu mir zu kommen. Ich weiß, daß in einem Falle, wie dem vorliegenden, am besten Frau zu Frau redet. Die meine ist ja nun leider schon seit vielen Jahren heimgegangen, und Ihre liebe Tante ...«
Julie durchfuhren mit einem Male allerhand wirre Gedanken: Marianne, die ihr Kind erwartete, Agnes Elisabeth, die so seltsam geschrieben hatte ... Oder sollte man von Peter Owen und ihr wissen?
»Ihre liebe Tante, die ihrer angegriffenen Gesundheit wegen im Süden weilt, wollte ich durch einen langen Brief nicht aufregen. Als Freund Ihres seligen Vaters und auch als Ihr väterlicher Freund glaube ich eine gewisse Berechtigung zu haben ...«
»Aber, Herr Professor, was ist denn geschehen?« fragte sie ungeduldig.
»Ich will mich kurz fassen.« Er räusperte sich von neuem. »Mein Sohn kam vor einigen Tagen zu mir, um mir ein Geständnis zu machen.« Er stockte einen Augenblick und hätte sich gern an Julies Erstaunen geweidet. »Das Geständnis seiner Liebe zu Ihnen, meine liebe Julie!« fuhr er bedeutungsvoll fort. Sie hielt die Augen gesenkt. »Es hat mich innig gefreut, daß nun auch mein Sohn, der so still und treu nur seiner Arbeit gelebt hat, die Liebe kennenlernt. Gerade zu dieser heiligen Advents- und Weihnachtszeit. Diese Liebe, die erst durch das Christentum in die Welt gekommen ist, die durch die christliche Ehe zu einer veredelnden Gemeinschaft wird. Nun hat der Herr sie Ihnen beiden zum Christgeschenk machen wollen!«
»Uns ...?«
»J—ja, — ja, — ja! Zum lieben Weihnachtsfest ist es ja besonders die Aufgabe der Frau, zu beglücken und Liebe zu spenden. Diesmal hat der Herr gerade Ihnen die Freude machen wollen, daß Sie einem Menschen Ihre ganze Liebe geben dürfen!«
»Aber, Herr Professor ...«
»Gewiß, ich verstehe, Sie wundern sich, daß mein Johannes Ihnen dies alles nicht selbst sagt. Er dachte, es würde Ihnen zu plötzlich kommen, zu unerwartet. Sie werden ihm für dieses Zartgefühl gewiß nur dankbar sein.« Der Professor stand auf und blieb vor ihr stehen. »Ich weiß ja, Ihre Anschauungen haben sich noch nicht zu der Klarheit durchgerungen, deren wir für das Leben bedürfen. Noch bauen Sie zu sehr auf eigene Kraft, meine liebe Julie! Darum schickt der Herr Ihnen eine treue Hand, an der Sie sich festhalten sollen, um gemeinsam den Weg zum himmlischen Vaterhause zu suchen. Nicht wahr, Sie werden diese Hand mit Freude und Demut ergreifen? Meine liebe Julie, darf ich ihm die Antwort bringen, daß Sie die Seine werden wollen?«
Der schwarze Rock kam näher und näher auf sie zu ...