Julie mochte sie nicht rufen. Im Hause war es totenstill. Sie öffnete die Tür zu ihrem Zimmer. Der Drücker ging noch immer etwas schwer und klapperig. Drinnen stand Hinrich Teetje.

»Vielen Dank für Ihre Freundlichkeit, Herr Teetje! Meine Schwester haben Sie wohl nicht gesehen?«

Seine Hand fuhr durch die Luft.

»Vielleicht auf dem Kirchhof, da ist sie heut noch nicht gewesen!« Er faßte an seine Mütze. »Na guten Tag!« Damit ging er.

Julie sah sich im Zimmer um. Die Luft war abgestanden und wußte vom Sonnenschein und Staub vieler Tage. Es roch nach Kalk, nach Spinnen und heruntergelassenen Rouleaus. Die Fenster sollten nun wieder offen sein. Die Vasen standen voll vertrockneter Blumen. Das Zimmer dünkte sie niedrig gegen die Berliner Etagenwohnung; es war ihr überhaupt fremd geworden. In der letzten Zeit hatten sich ihre Gedanken ja auch nicht oft hierher gefunden. Sie ging an ihr Bett. Die gute alte Bettstelle! Großmamas Decke, die feine lila gestreifte Bettdecke hatte viele Fliegenflecke bekommen. Die vergilbte Heloise in dem schmalen Goldrahmen hing noch immer schief, im Spiegel waren einige blinde Stellen mehr. Sie wusch sich die Hände; erst an dem Moorwasser merkte sie, daß es noch ihr Zimmer war, und daß sie hier bald wieder zu Hause sein würde. — Mitten im Zimmer stand sie noch und trocknete sich die Hände, als vor dem Fenster ein Kopf erschien und eine Stimme von draußen hereinrief:

»Unten im Garten sitzt sie! Unter der großen Esche!«

Julie erschrak. War der noch immer da?! Durfte er hier so im Garten herumlaufen? Sie wollte Agnes Elisabeth nach ihm fragen. Der Mensch hatte etwas Merkwürdiges.

Sie ging in den Garten. Hier war vieles, was sie hätte begrüßen mögen, aber sie hatte keine Zeit, denn Agnes Elisabeth kam die Tannenallee herauf. Sie sprach mit jemandem, den Julie nicht sehen konnte.

Julie ging ihr entgegen. »Sie ist voller geworden«, dachte sie, »und auch schöner.«

Die Schwestern gaben sich die Hand und küßten sich. Es war ein Kuß ohne Innigkeit; die eine hatte das Küssen verlernt, die andre wußte, wie anders Küsse sein können.