Agnes Elisabeth dachte unablässig an das Kind. In den ersten Tagen war sie scheu in den Zimmern umhergelaufen oder hatte in einer Ecke gesessen und nach der Wiege gestarrt. Keiner hatte sie beachtet, sie hatte so recht ihren Gedanken nachhängen können. Eigentlich war es eine merkwürdige Sache mit solch einem Kinde! Es war mit einem Male da, es schrie und wollte trinken. Es war häßlich und machte Mühe. Und doch hätte sie es am liebsten genommen und totgeküßt. O ja! Das kleine zappelnde Ding in die Finger nehmen, daß das Körperchen in den Handflächen läge, und der Kopf zwischen Daumen und Zeigefinger ... Einige Tage später jedoch, als sie es einmal versucht hatte, war die alte Doris dazugekommen und hatte ihr das Kind weggenommen.
Nun wollte sie es auch gar nicht mehr sehen! Sie hatte jetzt ihr eigenes Kind. Sie hatte sich die Wachspuppe vom Boden geholt, die war größer als Niels, sie machte die Augen zu, wenn sie wollte. Aber sie guckte doch immer wieder hinüber und schlich dem Kinde nach, ob sie es vielleicht sehen könnte. Denn das Kind war lebendig, die Wachspuppe aber war tot.
Zu manchen Zeiten fragte sich Agnes Elisabeth, ob sie eifersüchtig auf Niels wäre. Er war so einfach ins Haus gekommen und hatte Besitz von ihm ergriffen; um ihn drehte sich die Wirtschaft, die alte Doris stellte Gesche mit an, wo sie sie nur brauchen konnte, um seinetwillen kam ein Korb mit allerhand Sachen von Tante Sophie, um seinetwillen erschien Lukas jeden Tag und fragte schüchtern, wie es dem Kinde und der Mutter gehe, um seinetwillen wurde jeden Morgen ein Brief gebracht, der aus Berlin kam und zur Folge hatte, daß Doris für die nächste halbe Stunde nicht zu Julie hineinging. Es fehlte nur noch, daß ihr Schwager eines Tages in der Tür stände und den Jungen sehen wollte.
Dann wäre sie ganz aus dem Hause geschoben, und die anderen säßen darinnen. Das wollte sie sich nicht gefallen lassen! Nein, freiwillig würde sie nicht weggehen!
Noch während sie solche Dinge dachte, stand sie auf und ging in die Küche, um den Kakao für Julie anzurühren. Sie tat das mit aller Sorgfalt, probierte, ob er süß genug wäre, quirlte die Milch hinein und suchte die schönsten Cakes für Julie aus. Dann brachte sie alles selbst hinaus, stellte es auf den Tisch, rückte Julie die Tasse zurecht und saß ein Weilchen bei ihr. Bevor sie ging, streichelte sie Julies Haar.
Jedesmal dachte sie daran, daß Mama so mit ihr getan hatte, wenn sie früher einmal krank gewesen war.
Es war plötzlich, als sei die Stille nun lange genug im Hause gewesen.
Evelyn kam eines Tages mit zwei riesigen Koffern an und brachte so viel Fröhlichkeit und Lachen mit, daß die Linden ihre Kronen schüttelten, als vermöchten sie nicht zu glauben, daß alles wieder beim alten sein sollte. Das Haus aber wunderte sich nicht, sondern es war stolz auf seine Kinder. Sie waren in der Welt herumgelaufen, hatten viele andere Häuser gesehen und darin gewohnt; in einem hatten sie gelacht, im anderen geweint, — und schließlich waren sie doch vor Sehnsucht umgekehrt und zurückgekommen. Nun müßten sie auch wieder unten im Flusse Ringelrangelrosenkranz tanzen. Dazu wäre es jetzt freilich zu kalt, dachte das alte Haus. Und Evelyn wäre so elegant geworden, sie täte es vielleicht überhaupt nicht mehr.
Evelyn saß fast den ganzen Tag bei Julie und erzählte von der großen Welt. Von einem jungen Künstler, den sie in Wien kennengelernt hätte — übrigens traf auch alle vierzehn Tage ein Brief mit fremdländischer Marke für Evelyn ein, — von Tante Sophies grüner Seidenkrepptoilette, von einem eleganten Hut, den sie sich ausgedacht hätte. Sie mußte alle Bilder von Peter Owen sehen und erfand zu ihnen lange Geschichten. Plötzlich tollte sie dann wieder durchs Zimmer, lief in den Garten und sagte ihrer alten Kastanie guten Tag, kam wieder hereingewirbelt und tanzte vor Niels einen provenzalischen Tanz.