Der Pastor stand auf.
»Ich habe noch niemals meinen Einfluß auf andere Menschen dazu benutzt, sie an ihrer freien Selbstbestimmung zu hindern!« sagte Julie mit Hochmut. »Aber ...«
»Dafür danke ich Ihnen! Es ist Zeit zu gehen; meine Frau wartet mit dem Abendbrot. Grüßen Sie Ihre lieben Schwestern von mir! Und ...«
Er reichte Julie die Hand, die sie nur widerstrebend berührte.
»Wenn Sie Rat brauchen, ich meine, nicht nur in äußerlichen Dingen, wenn Sie geistlicher Hilfe bedürfen, so kommen Sie! Ich warte auf Sie!«
Julie zog ihre Hand zurück, und der Pastor verschwand hinter der Tür.
Eine Trübe blieb im Zimmer liegen. Julie stand unter dem Kronleuchter. Ihre Hände hingen schlaff herab. Sie lächelte. Geheimnisvoll blickte dieses Lächeln aus den Schatten, die im Zimmer schweigend warteten. Durch das Fenster kam vom Garten eine kühl duftende Dämmerung herein. Weich glitt sie um Julies Gesicht.
Dann schallten helle Stimmen auf der Diele. Julie wendete langsam den Kopf.
IV
Lehrer Lukas Allm wohnte neben der rosa getünchten Kirche in einem roten Backsteinhaus. Man brauchte nur die viereckigen Linien, die gleichmäßig verteilten Fenster zu sehen, um zu wissen, daß es die Schule war. Kam man um die Ecke, so waren da einige dürftige Turngeräte, die vereinsamt auf einem öden Platz standen. Ging man noch eine Ecke weiter, so sah man etwas, was bunt und fröhlich leuchtete, wie pausbäckiger Bengels vergnügtes Lachen. Das war der Garten des Schullehrers. Am Zaun, der an die Wiese grenzte, träumte feuerroter Mohn. Auf den schmalen Beeten wuchs Kapuzinerkresse, dazwischen Lavendel und zierliche Porzellanblümchen. Große Bohnen standen in langen Reihen, daneben zog sich Erbsengeranke mit schneeweißen Blüten hin.