Lukas Allm hatte aus eignen Mitteln eine kleine blaugemalte Veranda an das Haus anbauen lassen. Die Trauben der Glycinien fingen schon an, seine Hoffnungen auf ein gemütliches Plätzchen zu erfüllen.

Er brauchte einen solchen stillen Winkel. Früher war er in der Stadt gewesen, an der Gemeindeschule. Er hatte mit seiner Mutter in einer Gasse gewohnt, wo es nach Grünkramläden und Straßenmüll roch. Bevor er aber davon krank wurde, bewarb er sich um eine Landstelle. Und so war er in das Heidedorf gekommen, wo er ein Hungergehalt bezog, von Kohl und Speck lebte, aber seinen Himmel sah und seine Blumen pflegte.

Lukas Allm besaß eine besondere Mischung von Gemüt und Verstand. Er war strebsam, nicht nach den höchsten, aber doch nach hohen Dingen. Überall wollte er lernen, und mit der schon in seiner Schädelform ausgesprochenen Beharrlichkeit setzte er viel bei sich durch. Er hatte ein paar gute und eine große Anzahl mittelmäßiger Bücher gelesen. Aus diesen geistigen Bausteinen, die er auf dem Fundament der Halbbildung des Volksschullehrers zusammentrug, entstand ein Gebäude, das an das Miethaus eines braven Maurermeisters erinnerte, der sich Architekt nennt. Natürlich war er stolz darauf und baute lustig weiter. Er hielt dieses Haus für seinen wertvollsten Besitz und ließ die wenigen Menschen seiner Bekanntschaft gern darin zu Gast sein.

Es gab aber Zeiten, wo ihm das Haus zu eng wurde. Das geschah, wenn das wirkliche Leben ihm atmend gegenüber trat. Und dann hatte er den Mut, sein Haus unverzüglich zu verlassen und sich ganz der Weisung seines tiefen Gemüts anzuvertrauen. Er tat dies ganz instinktiv, ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen. Er konnte nicht anders, und darum wollte er auch nicht anders. Er war weit davon entfernt, den Wert dieses Muts zu sich selbst beurteilen zu können, ja, in den meisten Fällen bedauerte er ihn als eine menschliche Schwäche. Und doch war dies die vorzüglichste Eigenschaft seines Wesens. Sie hatte ihn veranlaßt, der Mutter zuliebe seine Studien für das höhere Lehrfach aufzugeben, bei armen Kindern mit Schiefertafeln und alten Hosen auszuhelfen und von seinem Gehalt ein paar Mark für die Schwester zu erübrigen, die an einen kleinen Beamten im Westfälischen verheiratet war. Aber auch eine fröhliche Befriedigung hatte sie ihm geschenkt, und den Himmel, der über der Heide träumte, und seine kleine Veranda.

Dort saß Lukas Allm jetzt vor einem Tisch; auf der mit Blumen bestickten Decke lagen Bücher und blaue Hefte, dazwischen stand das Tintenfaß.

Lukas Allm strich sich über den braunen Vollbart, klappte das Buch über Moorkultur zu und zog einen blauen Stoß heran. Er blätterte ihn durch und besah sich die Haar- und Grundstriche seiner Schüler. Zu unterst fand er ein Heft, auf dem mit feinen Buchstaben der Name Evelyn Hellwege geschrieben stand. Das war der Aufsatz, den sie ihm in der letzten Privatstunde abgegeben hatte. Er schlug ihn auf und las ihn langsam durch. Sein Gesicht, das zu Anfang mit lehrerhafter Strenge nach Fehlern suchte, verlor sich plötzlich in einer lächelnden Unschlüssigkeit und klärte sich dann zu einer warmen Freude. Es war ein Vorgang, der sich auch bei den Stunden, die er Evelyn erteilte, abzuspielen pflegte. Er wollte sie in die Kalkmauern seiner Gelehrsamkeit führen, aber sie lief ihm davon und winkte ihm von einer Wiese zu. Was konnte er anderes tun, als ihr nachgehen? Im Grunde lernte er mehr von ihr, als sie von ihm.

Auch das Thema dieses Aufsatzes hatte sie selbst bestimmt. Sie hatte für die Schuld der Jungfrau von Orleans nur ein übersehendes Lächeln gehabt und dann erklärt, sie wolle ihre Arbeit über den »Ernst und das Lachen« schreiben.

Das war sie nun, und Lukas Allm lachte. Das Lachen stand ihm besser als das Korrigiergesicht, und seine Mutter freute sich, als sie es sah. In der Tür stand sie mit einem Pack Wäsche.

»Stör’ ich dich auch?«

Der Lehrer sah auf und schüttelte den breiten Kopf. Er hielt der alten Frau seine große Hand hin. Sie nickte ihm zu und klopfte mütterlich seinen Arm. »Vom Feiertag-Heiligen scheinst du nicht viel zu halten!?«