Über den Wiesen wetterleuchtete es. Ein schwacher Donner grummelte in der Ferne. Ein schwüler Heugeruch zog geheimnisvoll durch das weitgeöffnete Fenster. Draußen war es schwarz. Nur von den bekalkten, krumpeligen Stämmen der Birnbäume ging ein Leuchten aus, als ständen da nackte Beine im Grase. Wenn die Blitze kamen, war für Augenblicks Weile der Tag in fahlem Lichte da. Totenstill war es. Das verhaltene Murren klagte über die Ebene, und diese ferne Klage machte das Schweigen nur tiefer.

Wie leer war dies Schweigen! Agnes Elisabeth sah stumm hinein. Die Stille starrte sie an, wie die toten Räume ihres Inneren. Wie leer war es auch dort!

Die Schwestern bei der Hand nehmen wollte sie und sie führen, aber sie gingen ihre Wege allein. Sie wollte der Mutter blumenstilles Empfinden weiterleben heißen in diesem lieben Hause, aber der Rhythmus wollte nicht mehr stimmen, und neue Melodien wachten auf, die denen besser klangen; sie wollte so gern für andere leben und ihnen helfen, aber hier war nichts zu helfen; sie waren Naturen, die nur sich selbst vertrauten; sie sehnte sich nach Hilfsbedürftigkeit, die leises Streicheln brauchte; wie weich hätte ihre kurze Hand streicheln können. Aber es war keiner da! Evelyn vielleicht noch eine kurze Weile, aber dann ...?

Die Blättermassen draußen blickten regungslos auf sie herein, mit starren Augen. Ängstigend und unbewegt stand jenes Versprechen vor ihr. »Daß die Kinder eine Heimat behalten«, hatte die Mutter gesagt, »geh du nicht von ihnen.« Sie hatte es ihr versprochen, in einem Taumel schmerzlicher Begeisterung, die diese Lebensaufgabe mit beiden Händen erfaßt und sich zu eigen gemacht hatte. Aber wie anders sah nun die Wirklichkeit aus! Hätte die Mutter nicht eigentlich wissen müssen, daß dieser letzte Wille für Agnes Elisabeth die Ursache eines zwecklosen Daseins werden würde!? Von vornherein waren die Kinder gelehrt worden, zuerst sich selbst zu suchen, um sich dann aus eigner Kraft des Lebens Wertvollstes zu sammeln. Nun sollte sie denen eine Heimat sein, die doch bei sich selbst zu Hause waren und keine andre Heimat brauchten.

Waren Frau Hellwege vielleicht in letzter Stunde Zweifel gekommen, ob der Weg, den sie den Kindern gewiesen hatte, der richtige sei? Oder hatte die Angst vor dem Tode ihren Glauben zittern lassen, daß sie nach Händen gegriffen hatte, denen sie ihren liebsten Besitz anvertrauen könnte?

Jedenfalls hatte Agnes Elisabeth das Versprechen gegeben und mußte es halten; und sie wollte es auch. Daran war kein Zweifel.

Wie würde ihr Leben nun weiter gehen?

Es blitzte. Draußen auf dem Rasen lag noch Evelyns Hut.

Sie würde den Haushalt besorgen und alles mit den Geschwistern teilen. Was würde sie von diesen zurückempfangen? Sie würde geben, geben! Aber das würde niemals seliger sein als Nehmen! Sie strich mit der Hand über ihre Arme. Ein schwüler Windschauer ließ das Laub draußen verschlafen rascheln. Die Baumkronen wiegten sich sehnsüchtig zueinander.