»Genießen ist die vornehmste Kunst des Lebens,« sagte Julie und stand gähnend auf. »Gute Nacht! Soll ich die Lichter ausmachen?«
»Bitte!« kam es vom Alkoven. Die Flammen, eine nach der anderen, beugten sich zur Seite, duckten sich und verloschen.
Das Nachtlicht zog langsam ab, die bloßen Füße tappten über die Diele.
Agnes Elisabeth lag allein, im Dunkeln. Ein lächelnder Schimmer war noch in ihren Augen. Genießen ...?! Aber dann wurde er breit, höhnisch und grinsend.
VI
Viele Tage später. Ein Früh-August-Mittag.
In grünen Hecken ein rosa Kleid. In flachem Bastkorb honiggoldene und graurote Himbeeren. Auf weißen Fingern hellroter Saft.
Der Himmel blank. Der Lohegeruch zwischen den Beeten kräftig und herb. Reseden, Himbeeren, Lavendel, Zentifolien: ein opalschimmernder Duft. In langsamen Stößen Lindenatem vom Hause her.
Nur dieses! Und ein dickes Summen von Bienen.
»Mein Blut ist röter als das Blut der anderen!« erzählte sich Marianne. »Julie wird klares hagebuttenrotes haben, bei Agnes Elisabeth wird es sein wie lauter Geranien, meines ist schwer und tief wie Burgunder-Rot.« Ihr Haar war an den Schläfen feucht geworden. Sie strich es zurück. »Wenn die Welt keine rote Farbe hätte! Alle Farben könnten fehlen, nur Rot nicht!« Sie bekam eine plötzliche Sehnsucht, sich in rote Blüten zu legen. Daß sie schon in der Heide wäre! Es war so heiß!