Ihre Füße fingen zu laufen an. Sie lief, bis sie bei ihm war. Nun stand sie vor ihm und wußte erst jetzt, daß sie gelaufen war.

Eben noch hätte sie ihre Arme um ihn werfen mögen, hätte sich an ihn pressen, ihn küssen mögen, nun konnte sie nichts von alledem. Demütig stand sie und wartete.

Heinrich Craner nahm ihre Hände und neigte sich über sie, aber er wagte es nicht, sie zu küssen. War er erschrocken darüber, daß sie so auf ihn zugeflogen war, mit wirrem Haar, das wie Flammen flirrte, mit ungestümen Bewegungen, leidenschaftlich, und doch kalt!? Jedenfalls schien es ihm, als seien in ihrer Gestalt alle Stimmungen dieser Herbstesherbheit vereinigt: ein Brausen über unendliche Flächen der Sehnsucht, ein Rütteln an allem, was einengte, freilich auch nur blasses Licht, das kaum noch an sich glauben mochte.

»Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind!« sagte er ruhig.

Agnes Elisabeth machte eine abwesende Bewegung. Noch war sie wie im Traum; alles war so selbstverständlich geschehen, ohne daß sie etwas dazu getan hatte; sie hatte das Haus verlassen, mechanisch die Richtung zum Bahnhof eingeschlagen, war immer weiter gegangen, bis sie ihn sah, und dann war sie ihm entgegengelaufen. Aber nun sie neben ihm schritt, fühlte sie plötzlich eine Verwunderung, die irgendwoher von außen zu kommen schien, vielleicht von den Bäumen, die ihre Köpfe schüttelten, von dem zweifelnden Blick der Sonne, die sich aus dem Dunst wieder herausquälte.

Craner ging eine Weile schweigend neben ihr her und versuchte hin und wieder ihren Blick zu finden. Aber der war zur Erde geneigt. — Plötzlich — es schien, als habe er nur darauf gewartet, daß sie die Brücke überschritten — begann er:

»Sie haben meinen Brief verstanden, nicht wahr? Ich weiß es; Sie wären sonst nicht gekommen, nicht so gekommen.«

Agnes Elisabeth erschrak. Hatte sie sich etwas vergeben? Kurz darauf aber dachte sie daran, daß er sie lieb hatte, und gleichzeitig erwachte Wärme in ihr.

Craner mochte sie fühlen.

»Ich möchte Ihnen sagen, wie glücklich ich darüber bin. Was ich Ihnen schrieb, habe ich bisher keinem Menschen gesagt. Das Vertrauen fehlte mir. Bei Ihnen habe ich nicht einen Augenblick gezögert.«