Vergangenheit ist genau genommen alle Zeit, die bis auf diesen Augenblick verflossen ist. Die Geschichte fliegt aber nicht mit Windeseile wie der flüchtige Augenblick, sondern schreitet langsam und bedächtig vorwärts; daher behält vieles, vielleicht sehr vieles, was im wörtlichen Sinne vergangen ist, für uns seine Gegenwart. Was für diese durchaus vergangen ist, liegt weit hinter uns zurück, Jahrhunderte, ja Jahrtausende. Verschwunden bis auf steinerne Spuren, sind für uns die einst blühenden Reiche am Nil, am Tigris und Euphrat, die einst riesigen und prachtvollen Königsstädte Theben und Memphis, Ninive und Babylon, und ihre, bisher von Sagen und Fabeln überwucherte Geschichte mußte mühsam aus jenen steinernen Spuren ausgegraben und durch die geistvolle Entzifferung der Hieroglyphen und Keilschriften aufgehellt werden. Für die Freimaurerei kommt indessen hier nur Ägypten in Betracht, von dessen steinernen Überresten einige zu Sinnbildern des Bundes geworden sind, denn die kurze Erwähnung des Babylonischen Turmes in einer alten freimaurerischen Schrift hat zu keinem Sinnbild Anlaß geboten. Hingegen ist Ägypten in mehrfacher Hinsicht für unsern Bund von Bedeutung, nicht wegen der Phantasien, welche die Brr. Polak, Leutbecher und Schauberg verleitet haben, den Ursprung unseres Bundes dort oder noch weiter zurück zu suchen, sondern wegen der Ähnlichkeiten, die der Bund mit den Mysterien der ägyptischen Priester darbietet, die jedoch durch Verschiedenheiten zwischen beiden weit überwogen werden.[7]

Unter den Denkmälern des Nillandes, die hier und da in freimaurerischen Logen und Graden Verwendung gefunden haben, sind die ältesten und großartigsten die Pyramiden. Die größten und berühmtesten dieser kolossalen Bauten sind die drei in Giseh bei Kairo zum Himmel ragenden. Sie stammen aus der Zeit der vierten Pharaonendynastie, deren Herrschaft wahrscheinlich um das Jahr 3250 vor Chr. begann. Die größte baute Chufu (griech. Cheops), die zweitgrößte sein Nachfolger Chafra (Chefren), die dritte dessen Nachfolger Menkaure (Mykerinos). Nach diesem geriet der Pyramidenbau bereits in Verfall. Neuerdings will man entdeckt haben, daß diese Denkmäler astronomische Zwecke hatten, indem sie genau nach den Himmelsgegenden gerichtet sind. Anderson, einer der älteren Freimaurer, brachte sie bald nach der Entstehung des Bundes mit diesem in Verbindung, daher ihre Gewalt noch hie und da in Logen Verwendung findet. Sie eignen sich in der Tat zu einem Sinnbild solider in sich festgefügter Stärke des Willens.

Jünger und kunstvoller als die Pyramiden sind die Obelisken (d. h. „kleine Spieße“), vierkantige, langgestreckte, aus einem Stein gehauene, von unten nach oben schmäler werdende und auf dem Gipfel eine kleine Pyramide tragende, zum Schmucke der Tempelhöfe dienende Säulen. Auch diese erscheinen bisweilen als Sinnbilder schönen, harmonisch geordneten Bauens.

Ebenfalls jünger, aber durch Nachbildung des Lebens und bedeutungsvollen Charakter hervorragend sind die Denkmäler des Nillandes und, von dort her eingeführt, auch anderer Länder, die den Namen Sphinx tragen, aber in Ägypten männlich, in Asien und Griechenland und daher auch anderswo weiblich gebildet sind. Ein Männer- oder Frauenkopf mit Brust gleicher Art ruht auf einem bisweilen geflügelten Löwenleibe. In Ägypten bildeten die Sphingen ganze Alleen, die zu den Tempeln führten; das bekannteste und am besten erhaltene, wenn auch stark beschädigte Bild dieser Art ist das bei der zweiten Pyramide ausgegrabene, aus dem Felsengrund gehauene Bild des Gottes Harmachis, einer Gestalt des Sonnengottes. Es war dort Sinnbild der Stärke und Weisheit, wozu in Hellas noch das der Schönheit kam — aber auch des Geheimnisvollen und Rätselhaften. Diesen Charakter hat die Sphinx auch in Europa behalten, wo sie überall weibliche Gestalt hat. Wenn auch nicht gerade als anerkanntes freimaurerisches Symbol, so wird sie doch in Logen, am Eingange solcher, auf Siegeln und Denkmünzen vielfach dargestellt und trägt einen schönen, aber ernsten und geheimnisvoll blickenden Frauenkopf.

Wir verlassen diese Vergangenheit als ein Reich der Mysterien und des Rätsels.

b) Sinnbilder der Gegenwart.

Die Gegenwart im kulturgeschichtlichen Sinne, d. h. der Inbegriff der Kulturschöpfungen, die für uns jetzt noch Wert und Bedeutung haben, ist wie gesagt kein flüchtiger Augenblick, ja nicht nur die sog. neuere oder neueste Zeit, sondern ein mehr als zweitausendjähriger Zeitraum. Er beginnt mit dem Verfalle jener Reiche, die für uns Vergangenheit sind, weil wir von ihnen keine Kulturschätze bewahrt haben, und mit dem Beginne neuer Ideen, die althergebrachten abergläubigen Vorstellungen zuleibe gingen. Das geschah um die Zeit von 500 vor Chr., als Ägypten und Babylon ihre Selbständigkeit und ihren alten Charakter verloren, und wie auf einen Schlag in den verschiedensten Ländern Geister wie Kongfutse, Buddha, Zarathustra und Pythagoras neue Wege einschlugen und die Götzen der alten Versunkenheit in dumpfen Wahn niederwarfen. Eine Periode von vier bis fünf Jahrtausenden endete, und eine neue begann. Wie lange wird sie dauern?

Etwa ein halbes Jahrtausend vor Christi Geburt ist die Bibel (d. h. vorläufig die Hauptteile des A. T.) in ihrer heutigen Gestalt abgeschlossen worden. Ihre noch heute fortdauernde Hochschätzung berechtigt uns, mit diesem Zeitpunkte die Gegenwart im weitesten Sinne zu beginnen. Allerdings ist diese Hochschätzung nicht immer die gleiche geblieben. In sehr vielen Kreisen zwar wohl; aber in den ebenfalls weiten der unabhängig Denkenden ist die Bibel von „Gottes Wort“, das früher ihre allgemeine Bezeichnung war, zu einer durchaus menschlichen Büchersammlung zurückgegangen. Dazu haben zweierlei Umstände beigetragen, einerseits der Widerspruch gegen den Zwang, mit dem das Ansehen der Bibel den Menschen aufgedrängt wurde (und jeder Zwang erzeugt in nicht sklavischen Seelen Widerspruch), und anderseits die Tätigkeit der historisch-kritischen Wissenschaft im Laufe des 19. Jahrhunderts, deren Träger über jedem Verdacht einer schlimmen Absicht erhaben sind und deren Charakter makellos dasteht. Wem diese Vorgänge Schmerz verursachen, der vergißt, daß die ganze Bibel auch dem Gläubigsten nicht mehr absolute Autorität ist. Für den Christen hat die mosaische Gesetzgebung im 3. bis 5. Buche des Pentateuch schlechterdings nicht mehr Gewicht als für den Juden das Neue Testament. Aber noch mehr! In jüngster Zeit haben die orthodoxesten Theologen und ihr Anhang in vielen Punkten des Bibelglaubens Zugeständnisse an die Kritik gemacht, so daß ihnen Stellen, die mit der Wissenschaft unvereinbar sind, nicht mehr als Wahrheit, sondern nur noch als bildliche Einkleidung religiöser Gefühle erscheinen, — sogar auf katholischer Seite.

Der Begriff der wörtlichen Offenbarung ist ohnehin stets streitig gewesen, und es wird auch auf bibelgläubiger Seite vielfach zugegeben, daß Abschriften, Übersetzungen, streitige Lesarten und Mißverständnisse im Laufe der Zeit viele Änderungen des ursprünglichen Textes herbeigeführt haben. Der Verfasser verwahrt sich übrigens ausdrücklich gegen den Verdacht, als wisse er die Bibel nicht zu schätzen. Von mehreren Teilen ist dies in hohem Maß der Fall, von anderen freilich nicht, und zwar aus guten Gründen.

Religiöse Streitigkeiten sind im Schoße der Freimaurerei ausgeschlossen; da nun aber tatsächlich die Bibel mit der Loge in Zusammenhang gebracht worden ist, war dieser Gegenstand hier nicht zu umgehen.[8]