Und wie verhält es sich nun mit diesem Zusammenhange?
Die Fragestücke 17 und 18 des Lehrlings-Katechismus lauten:
17. Welches sind die 3 großen Lichter der Freimaurerei? — Bibel, Zirkel und Winkelmaß.
18. Wie erklären Sie solches? — Die B. ordnet und richtet unsern Glauben, das W. unsere Handlungen, und der Z. bestimmt unser Verhältnis gegen alle Menschen, insbesondere gegen unsere Brüder.
Diese Fassung und Zusammenstellung ist schlechterdings unhaltbar. B., W. und Z. können unmöglich in ihrer Wirkung zusammengestellt werden; denn die B. hat einen bestimmten Wortinhalt, W. und Z. aber nicht. Es wird nicht genau gesagt werden können, wie unsere Handlungen und unser Verhältnis gegen die Menschen und Brr. beschaffen sein sollen; es ist dies dem Gefühl und Gewissen der Einzelnen zu überlassen. Kommt aber die Bibel dazu, so hat dies ein anderes Gesicht. Die B. sagt genau (Mißverständnisse vorbehalten), was geglaubt werden soll.
Nach den Grundsätzen der Freimaurerei können von den Brüdern gute Handlungen und ein treues Verhältnis zu den Brrn. verlangt werden, ein bestimmter Glaube aber nicht. Der Freimaurer-Bund ist keine Glaubensgenossenschaft, am wenigsten eine solche zur Pflege eines wörtlich festgelegten Glaubens. Es herrscht daher gegenwärtig die Auffassung vor (Handb. der Freimaurerei, Art. Bibel): da die B. mit W. und Z. zusammengestellt und diese beiden der Freimaurerei nur bildlich zugeeignet sein können, so könne auch die B. nur vorwiegend symbolische Bedeutung haben. Sie sei das Sinnbild wahrer Religiosität und Frömmigkeit, einer Religion, in der alle Menschen übereinkommen, wenn sie auch verschiedenen Bekenntnissen angehören. Wenn nun aber weiterhin zugestanden wird, daß der Jude an ihrer Stelle als Sinnbild das bloße A. T., der Mohammedaner den Koran, der Hindu die Vedas u. s. w. setzen könne, was alles entschiedene Glaubensbücher sind, wie ist da derjenige Christ, der den Glauben an viele oder die meisten Teile der B. verloren hat, oder vollends der Freidenker, dem sie nur ein Teil der Weltliteratur ist, gestellt? Es ist damit wieder gesagt, daß eben doch der Freimaurer verpflichtet sei, einen bestimmten religiösen Glauben zu haben. Das ist er aber nicht; sein Gewissen ist seine Religion, und wie diese beschaffen sei, darüber ist er keine Rechenschaft schuldig. Das Ritual unserer Loge verbietet sogar, den Aufzunehmenden bei Angabe seiner Personalien nach seiner Konfession zu fragen. Ein freier Mann von gutem Rufe kann keine schlechte Religion haben, kann auch keinem rohen und frivolen Atheismus huldigen. Wie er sich den A. B. d. W. vorstellt, ist seine eigene Sache. Unsere Loge hat daher auch das Gelübde auf die Bibel aufgegeben und nur ein solches auf Ehre, Tugend und Bruderliebe beibehalten. Daß dagegen eine andere Loge an die Stelle der B. ein weißes Buch, mit der Aufschrift „Gott“ gesetzt hat, entzieht sich unserem Urteil, da es ausschließlich Sache ihrer Brüderschaft ist.
Wir haben oben als höchste Lichter der Freimaurerei, wie es auch unsere Loge getan, die Gottheit, das Gewissen und die Menschheit mit den Sinnbildern des Hammers, des Winkelmaßes und des Zirkels vorgeschlagen. Und die Bibel? Sie soll nicht ignoriert werden. Sie soll ein Sinnbild bleiben, aber nicht das unseres Glaubens, der unabhängig sein soll, sondern das Sinnbild einer kulturgeschichtlichen Periode, derjenigen, in der auch wir leben, aber mit der Hoffnung, daß nach und nach an die Stelle der bisherigen Bibel, die ja neben viel wunderbar Schönem auch viel Schwaches und Anfechtbares enthält, eine neue treten werde, nicht als Organ einer Kirche, sondern der Menschheit, und diese neue Bibel müßte das beste und schönste aus der gesamten Weltliteratur, mit Einschluß des besten und schönsten aus der bisherigen Bibel enthalten,[9] und zwar nicht nur religiöses (das Hohe Lied ist dies ja auch nicht), sofern auch alles was würdig ist, der Menschheit zur Richtschnur zu dienen. —
In den Hochgraden gibt es, wie schon die Titel der schottischen Grade und ihr sog. Arbeitsfeld (oben [S. 41 ff.]) zeigen, eine Menge Erinnerungen an das A. T., so besonders an die Stiftshütte in der Wüste, die aber von der Rolle, die der Tempel Salomos schon in der älteren Freimaurerei spielt, weit überragt wird, wie überhaupt viel auf den König Salomo bezügliches in den Logen vorkommt. So Salomos Siegel, als Sinnbild der Verschwiegenheit, nach einer Stelle der seinen Namen tragenden Sprüche, die ermahnt, Mund und Zunge zu bewahren. Salomos Siegelring gilt als ein Zaubermittel, sich die Geister dienstbar zu machen und als ein Sinnbild der Weisheit. Salomos Thron kommt im Konstitutionenbuche Andersons als Stuhl des Großmeisters vor. In demselben Buche wird Salomos Tempel als der Ausgangspunkt der Freimaurerei bezeichnet; denn er habe, sagt die altfreimaurerische Sage, unter seinen Aufsehern und Arbeitern die ersten Logen gestiftet und selbst als Großmeister gewirkt, wie der Baumeister Hiram Abif als zugeordneter Großmeister, was natürlich reine Erdichtung ist. Schon im 17. Jahrhundert wurde die Kirche unter dem Bilde des salomonischen Tempels gedacht, und Comenius, der Vorläufer der Freimaurerei, kleidete unter diesem Bilde seine Idee einer allgemein menschlichen (zugleich christlichen) Gesellschaft ein, die jedoch, da es sich um einen israelitischen, von einem Heiden (Hiram aus Tyros) gebauten Tempel handelte, nicht ausschließlich christlich sein konnte, sondern als Vorbild einer konfessionslosen, rein humanen Freimaurerei verstanden sein muß. Die drei Teile des Tempels, der Vorhof, das Innere und das Allerheiligste, konnten als Vorbedeutungen der drei Grade, die länglich viereckige Gestalt des Tempels als Vorbild der Loge gelten, und so gibt es noch viele Analogien, besonders in den Zahlenverhältnissen, so daß es nicht unwahrscheinlich ist, daß die Gründer der ersten Großloge (der von England) den Tempel Salomos als Vorbild für die Loge benutzten.[10]
Der Räucheraltar im Innern des salomonischen Tempels hat ohne Zweifel mit seinen Leuchtern als Vorbild der christlichen Altäre gedient. In der Freimaurerei kommt erst in den Anfängen der sog. schottischen Hochgrade (Mitte des 18. Jahrh.) an Stelle des Tisches des Meisters vom St. (der anfangs ebenfalls nicht vorhanden war) ein Altar vor, der diesen Namen aber erst gegen Ende des 18. Jahrh. allgemein erhielt. Einen gottesdienstlichen Charakter trägt er nicht, wohl aber einen dreiarmigen Leuchter und wo diese gebraucht wird, die Bibel und andere Sinnbilder, und dient zum Gebete und zur Ablegung des Gelübdes. Hier und da breitet sich über ihm ein Baldachin als Sinnbild des Himmels. Hauptsächlich aber bezeichnet er, zu dem 3 Stufen emporführen, den Ort, von dem aus die Loge geleitet wird.
Mit der Bibel und dem Altar bilden die Säulen eine Dreizahl heiliger Dinge in der Loge und kommen selbst wieder in dreierlei Zahl vor.