Ich glaub’ an Gott?
Magst Priester oder Weise fragen,
und ihre Antwort scheint nur Spott
über den Frager zu sein.
Goethe, Faust I.
a) Der a. B. d. W.
„Weh! Wo ist Gott“ ruft klagend der junge Parsifal (Parzival) in Wolfram von Eschilbachs (Eschenbachs) unsterblicher, christlich frommer Heldendichtung. Ja, wo ist Er? Schnell ist die Antwort bereit: „Überall!“ Ganz richtig! Er ist überall. Aber war er es für die Menschen stets? Die Geschichte der Religion antwortet darauf (natürlich vom subjektiv-menschlichen Standpunkte) mit Nein. Es bedurfte einer langen, an Irrwegen und Straucheln reichen, überreichen Entwicklung des Gottesgedankens, bis der Mensch bei der Allgegenwart Gottes angelangt war.
Den Anfang einer Verehrung von Dingen außer sich machte der noch lallende Mensch mit dem noch heute bei den Naturvölkern nicht ausgestorbenen Fetischdienste (lat. facticius, portug. feitiço, Amulett, Talisman, Zauberding), d. h. der Anbetung eines Geistes wie einem Dinge. Heilige Steine und heilige Bäume, wir wissen nicht, ob zugleich oder nacheinander, waren die ersten Gegenstände dieser ursprünglichen Religion; wir finden ihre Spuren auf der ganzen Erde. Der schwarze Stein der Kaaba in Mekka ist den Mohammedaner noch jetzt heilig. Aus den Baumgeistern wurden bei den Griechen die reizenden Dryaden (Waldnymphen). Von den unbeweglichen Dingen schritt der Mensch zur Verehrung der Tiere. Im alten Ägypten blühte dieser so unwürdig erscheinende Dienst unter den zivilisierten Völkern wohl am längsten; aber schon neben ihm tauchen die sonst menschlich geformten Gottwesen mit Tierköpfen, endlich auch mit voller Menschengestalt auf. Aber auch, wo wir nur menschlich geformte Götter finden, wie bei den Griechen, verrät sich ihre frühere Tiergestalt noch in den Tieren, die ihnen beigesellt werden, so dem Zeus der Adler, der Aphrodite die Taube, dem Apollon der Wolf u. s. w., während untergeordnete mythische Wesen noch aus Tier und Mensch gemischt sind, wie die Kentauren, Harpyien, Nereiden u. s. w.
Daß die verehrten Wesen zur Menschengestalt gelangten, dazu hat wahrscheinlich das Auftreten bedeutender Menschen, „Übermenschen“ beigetragen, die Völkern Gutes taten wie Prometheus, der ihnen das Feuer brachte, oder sie von gefährlichen Tieren, Riesen, Ungeheuern und dergl. befreiten, wie Herakles (Herkules). Diese wurden später zu Heroen, Halbgöttern.
In weiten oder sehr verzweigten Ländern, wie Ägypten, Babylonien, Hellas hatte ursprünglich jeder Stamm, Ort oder Gau seinen eigenen Gott oder Halbgott. Dieser Henotheismus wurde durch Zusammenfassung der Gaue zu Staaten oder Bünden zum Polytheismus; die Götter wurden zur Vielgötterei versammelt.