Bei den Israeliten, die uns hier als Vorläufer des Christentums am meisten interessieren müssen, fällt die Stufe der Vielgötterei weg, weil ihre Stämme schon früh einen gemeinsamen Gott hatten, Jahve, (Jehova). Aber auch dieser Gott trug, wie die neuere Forschung zur Gewißheit erhoben hat, „alle entscheidendsten Merkmale des Heilbringers an sich.“ So nennt Prof. Breysig in Berlin „eine Gestalt der Überlieferung, von der man menschen-, oder teils menschen-, teils tierhaftes Auftreten auf der Erde erzählt, der man schon während ihres irdischen Lebens übermenschliche Kräfte beimißt und die zumeist nach ihrem Entschwinden in die Gestalt eines Geistes von sehr hohen Kräften übergeht.“ — „Die Umschaffung der Erde ist eine der bezeichnendsten Eigenschaften des Heilbringers schon bei den Urvölkern.“ Die wahrscheinlich ältesten Bestandteile der hebräischen Überlieferung von Jahve feiern ihn als den siegreichen Drachentöter (so im zweiten Jesaias, ähnlich im 89. Psalm, sogar in dem später entstandenen Hiob).

Der Drache ist sonst überall die Nacht, die vom Sonnengotte überwunden wird, hier ist er das Urmeer, nach anderer Ansicht ein wirkliches Ungeheuer. Mag es der streng Gläubige nun gern hören oder nicht, — Zeugnisse der Bibel selbst beweisen den Ursprung Jahves aus einer Naturgottheit,[13] in ältester Gestalt eines Sturm- und Windgottes (Jahve = er weht oder er vernichtet). Seine wichtigsten Taten, Schöpfung und Flut, haben ihr Vorbild im heidnischen Babylon und sind nur ethisch und monotheistisch umgearbeitet, wodurch sie eine höhere, edlere Auffassung erhielten. Die Erzählung genau betrachtet, erscheint die Schöpfung der Genesis keineswegs als eine Erschaffung aus Nichts. Beide Formen der Schöpfungssage (Genesis 1,1 ff. u. 2,4 ff.) wissen nichts vom Nichts. Die zweite Form ist ihrer ganzen Fassung nach die ältere, rein menschliche, die erste aber eine jüngere priesterliche Umarbeitung. Beide lassen durchblicken, daß die Erde (die damalige „Welt“) bereits in Gewalt einer trockenen Wüste (nach der älteren), einer Wasserwüste (nach der jüngeren Form) vorhanden war, daß also nur von einer Umformung die Rede sein kann. Ebenso verhält es sich mit dem Himmel, denn wo sonst sollte Jahves, des Ewigen Wohnung gewesen sein? Doch gewiß nicht im Nichts! Ähnlich sind die Schöpfungssagen vieler, selbst amerikanischer Völkerstämme.

Aber noch ein anderer Umstand ist zu beachten, der geeignet ist, die hergebrachte Anschauung stutzig zu machen. In mehreren Stellen des A. T. ist von Göttersöhnen die Rede, die bald mit Jahve den Himmel, (z. B. Psalm 89,6-8 und Hiob 1,6 u. 38,6 f.), bald neben den neugeschaffenen Menschen die Erde bewohnen, die Töchter der Menschen ehelichen und mit ihnen Kinder, die „Helden“, zeugen (Genesis 6,1 ff.). Ja sogar in der jüngeren Schöpfungssage (Gen. 1,26) spricht Gott von sich in der Mehrzahl, und sein Name (Elohim) hat eine Mehrzahlform. Er ist also ursprünglich nicht allein. Doch ist dies nicht eine Vielgötterei im Sinne zusammengebrachter Stammesgötter, sondern eine urzeitliche Vervielfältigung der einheitlichen Gottheit.

Die irdischen „Göttersöhne“ erscheinen völlig menschlich, und so wird auch Jahve, das Haupt der himmlischen Göttersöhne, nach der Schöpfung ganz menschenähnlich, nicht wie ein Gott, sondern wie ein Heilbringer dargestellt, ja noch in dem spät entstandenen Buche Hiob, in dem er wie ein Held und Kämpfer auftritt. Diese Menschlichkeit dauert an; Jahve wandelt im Paradies in der Kühle des Tages, spricht mit Adam, Eva, Kain, Noah, Abraham, Jakob, Moses u. s. w. und verkehrt noch mit König David durch Nathan. Er ist der besondere Gott des Volkes Israel, das ferne davon ist, die Götter anderer Völker nicht für wirklich zu halten, ja sogar sich zeit- und teilweise diesen zuwendet (wie dem Baal und Moloch der Phöniker).

Dies ändert sich aber um das Jahr 760 v. Chr. durch Amos, den ersten der zeitlich bestimmbaren Propheten. Seitdem entwickelt sich Jahve vom Gotte eines Volkes zum Gotte der damaligen Welt, d. h. der Erde, vom Eingotte zum Alleingotte. An die Stelle des Namens Jahve tritt der früher als Mehrzahl, jetzt als Einzahl geltende: Elohim. Es ist jetzt ein Plural der Majestät. Elohim ist zwar immer noch ein Gott seines Volkes, aber der einzige Gott, mit Ausschluß aller übrigen, die nur noch Götzen sind.

Mit dem Christentum änderte sich dieses neuerdings. Der sein Volk bevorzugende Gott wird zu einem Gotte der Menschheit, der keinen Unterschied der Völker mehr kennt. Aber — er ist immer noch ein bloßer Gott der Erde, der nun diese vor allen übrigen Weltkörpern bevorzugt, was darin seinen Gipfelpunkt erreicht, daß er ihr seinen Sohn sendet. Denn es wird bei dieser Anschauung angenommen, daß die Menschen der Erde die einzigen denkenden Wesen im Weltall und die übrigen Weltkörper nur um der Erde zu leuchten da seien. Nach den ungeheuern Fortschritten der Astronomie seit Kopernikus ist diese Auffassung unhaltbar geworden. Es gibt Millionen Sonnen mit wahrscheinlich undenkbar vielen Planeten, auf denen organisches Leben, auch mit Steigerung zum Denken, besteht, bestand oder bestehen wird. Solche der Erde allein zuzuschreiben, ist entweder keck oder kindisch, sonst wäre ja die ganze Sternenwelt nur wesenloser Schein!

Seitdem besteht eine unausfüllbare Kluft zwischen den Kirchen, die immer noch an einem Gott der Erde hängen, wie das Dogma von der Dreifaltigkeit drastisch zeigt, deren zweite Person ja nur der Erde angehört, und der aufgeklärten Menschheit, die nach einem Gotte der Welt (im wahren Sinne, nicht im Verstande von Erde) verlangt. Die Freimaurerei steht auf diesem Standpunkte; denn sie nennt Gott den allmächtigen Baumeister der Welt oder auch: aller Welten. Sie fragt aber keinen Bruder nach seiner persönlichen Vorstellung von Gott, sondern überläßt dies ihm und seinem Gewissen. Sie verlangt daher auch keinen Glauben an einen persönlichen Gott, sondern läßt auch dem Gerechtigkeit widerfahren, der den Begriff „Person“ für viel zu beschränkt und eng begrenzt hält, um ihn dem unfaßbaren Geiste beizulegen, der das unendliche Weltall in seiner wunderbaren Ordnung erhält und unzweifelhaft über jeder Vorstellung hoch erhaben ist, die sich die kindlichen Menschen der Erde von ihm zu bilden vermögen! —

Es ist ja gar nicht anders möglich! Diejenigen Weltkörper, welche denkende, d. h. menschenartige Wesen hervorzubringen vermögen, tun dies ihrer Natur gemäß, und diese ist notwendig verschiedenartig. Solche menschenartige Wesen sind daher auf den verschiedenen Weltkörpern untereinander eher unähnlich als ähnlich. Gott anthropomorphisch, d. h. mit Eigenschaften, wie sie die Menschen der Erde besitzen, sich vorzustellen, ist gewiß ein Recht frommer, aber dem Weltenbau fremder Seelen; wissenschaftlich ist es nicht. Gott ist ein Geist; eine Gestalt und solche Eigenschaften wie die Menschen kann er nicht haben, weil er keinen Körper hat, wenn nicht das Weltall selbst diesen bildet. Dann ist er aber eben für Menschenverstand unfaßbar, und wir müssen uns bescheiden zu sagen: Er ist der Geist der Welt; mehr können wir nicht, wenn wir uns nicht in bodenlose Phantasien verirren wollen!

b) Der ewige Osten.

Von Osten kommt das Licht, von Osten erhebt sich die Sonne, uns zu erleuchten und zu wärmen, von Osten kam die Leuchte der Kultur zu uns, von Osten wird die Loge erleuchtet und geleitet. Von Osten kommt Ostern, und zu Ostern erwacht die Natur zu neuem Leben und berichtet uns die ehrwürdige Überlieferung die Auferstehung eines der größten Geister, für die Meisten unter uns des größten unter allen, weil des reichsten an Liebe. Weil also von Osten das Licht, das Leben und die Liebe kommen, nennen die Freimaurer auch den unbekannten, rätsel- und geheimnisvollen Ort, wohin die gehen, für die auf der Erde Licht, Leben und Liebe aufgehört haben zu leuchten und zu blühen, — den ewigen Osten. Denn weil alles Leben von ihm kommt und wieder zu ihm zurückkehrt, ist er ewig wie der keinen Anfang und kein Ende kennende Kreis der Ewigkeit, der ewige Kreislauf des Lebens der Welt und des Wirkens Gottes.