Der ewige Kreislauf alles Lebens, der sich offenbart in der ewigen Wiederkehr der Sonne am Morgen und der des Mondes und der Sterne am Abend, des Aufkeimens der Pflanzenwelt im Frühling, der Verwandlung der Insekten aus mühsam kriechenden in lustig fliegende Wesen hat seit den ältesten Zeiten und bei fast allen Völkern die Menschen dahin geleitet, wie für die gesamte Natur, so auch für das Leben jedes Einzelnen eine Auferstehung nach dem Tode zu erwarten. Nicht zu leugnen ist, daß neben diesen Beobachtungen zuerst auch die Selbstliebe des Menschen, später die große, gar zu oft übertriebene Ansicht von der Wichtigkeit seines Ich bestimmend auf sein Verlangen, nach dem Tode fortzuleben, eingewirkt hat, während in edler entwickelten Naturen an die Stelle dieser Stimmungen eine uneigennützige Hoffnung auf ein Wiedersehen mit den vorangegangenen Lieben und ein besseres Dasein der Geister überhaupt nach dem Willen Gottes trat. Träume im Schlafe vom Wiedersehen mit Verstorbenen trugen ebenfalls das ihrige dazu bei. Alle diese Umstände zusammen genommen erklären es, warum sämtliche Religionen ihren Vorstellungen vom Fortleben nach dem Tode, oder, wie es kurz ausgedrückt wird, ihrem Jenseits ein durchaus sinnliches Gepräge geben, als ob es sich von selbst verstände, daß die Seele nach ihrer Trennung vom Körper einen neuen, wenn auch leichtern und zartern Leib erhielte, wodurch? wird niemals erklärt werden, weil es nicht erklärt werden kann.

Der Begriff des „Wiedersehens“ schließt offenbar ein Sehen und das Sehen Augen in sich. Mit einem bloß geistigen Sehen würde sich schwerlich ein Jenseitsgläubiger befriedigt fühlen, abgesehen von der Unklarheit dieses Begriffes. Damit ist auch die Religion nicht zufrieden, indem sie sogar eine „Auferstehung des Fleisches“ lehrt. Wo die Seele zwischen dem Tode und dieser Auferstehung weile, ist ein — Geheimnis. Es ist auch unklar, von wem bis dahin die Orte des Jenseits bevölkert würden. Die römische Kirche füllt diese Lücke mit dem Fegfeuer aus, ohne zu erklären, wie körperlose Seelen von einem Feuer gebrannt werden können. Diese Bedenken hielten aber den großen, mit riesenhafter Phantasie begabten Dante und andere Jenseitsschilderer nicht ab, schon zu ihren Lebzeiten Hölle, Reinigungsort und Himmel (Paradies) bereits ziemlich angefüllt darzustellen. Manche Völker suchten sich den Zwiespalt zwischen der Trennung von Seele und Körper und sinnlichem Jenseits dadurch zu erklären, daß sie als das Fortlebende den Atem oder Schatten des Menschen betrachteten; manche auch ließen Pflanzen und Tiere nach ihrem Absterben im Jenseits fortleben, andere wieder nahmen im Menschen 2, 3, 4 Seelen an, deren jede eine besondere Bestimmung habe. Nicht selten ist der Glaube an eine zeitweilige Abwesenheit der Seele vom Leibe, eine öfter wiederholte Trennung beider. Dieser Glaube hat als Aberglaube die bizarrsten Auswüchse krankhafter Phantastik erzeugt, wie die Sagen von Doppelgängern, vom „zweiten Gesicht“, Fernwirkungen, Todesverkündigungen, Ekstasen, Verzückungen und anderes. Der Widerspruch, daß ein Leben zwar einen Anfang, aber kein Ende haben, also zugleich endlich und unendlich sein soll, sucht die in Indien besonders lebhaft ausgeschmückte Lehre von der Seelenwanderung zu lösen, nach der die Seele nach dem Tode unbekannt wo weilen und nach geraumer Zeit in einem neuen je nach ihrem Verdiente tierischen oder menschlichen Körper wieder geboren werde und so ohne Anfang und Ende. Nur das seligen Geistern vorbehaltene Nirvana (wörtlich: Auslöschen) befreit davon.

Der Aberglaube an Geistererscheinungen fußt natürlich auf dem Glauben, daß der Abgeschiedene seine Gestalt behalte, der an Spuk darauf, daß ihm auch seine physischen Kräfte gewahrt bleiben, beide darauf, daß die Seele an oder nahe bei ihrem Aufenthalte im Leben verweilen müsse, bis sie erlöst würde.

Der Ort des Jenseits macht die buntesten Phantasien durch. Man kennt Eingangstore zum Totenreiche, so zum griechischen Tartaros, zum römischen Orkus; im deutschen Volksglauben führen verschiedene Stellen durch Sümpfe, Höhlen u. s. w. dahin. Naturvölker fabeln von Abenteuern, die der Tote auf seiner Reise ins Jenseits zu bestehen habe; er muß steile und schlüpfrige Berge, haarschmale Brücken, Abgründe, reißende Ströme, Meere u. s. w. überwinden. Es wird auch erzählt, daß Seher, Häuptlinge u. dergl. dort gewesen und auf die Erde zurückgekommen seien. Das Jenseits liegt je nach dem Volksglauben in hohlen Bergen, unter der Erde, auf entfernten Inseln, über Meeren, natürlich meist im Westen, weil die Sonne dort untergeht, daher auch eine Unterwelt besonders oft angenommen wird. Unser Zeitgenosse, Prof. Bautz in Münster versichert, die Hölle liege unter der Erdoberfläche und die Vulkane seien ihre Schlote. Weit poetischer verlegen Naturvölker ihr Jenseits auf Sonne, Mond oder Gestirne; Wilmershof (1866) suchte das für die Erdbewohner auf der Venus! Der Himmel ist vielfach bevorzugt, natürlich soweit man an ein Himmelsgewölbe glaubt. Manche Völker sind auch mit den Wolken zufrieden. Fischervölker wünschen ein Land mit viel Wasser, Jägervölker ein solches mit viel Wild, Nomaden eines mit herdenreichen Fluren oder Steppen, also einfach eine Fortsetzung des irdischen Lebens.

Allgemein erwartet man im Jenseits eine Belohnung der guten und eine Bestrafung der bösen Taten. Darüber soll das Weltgericht entscheiden, — eine Übertragung menschlicher Verhältnisse auf das Jenseits; wie aber über diejenigen entschieden werde, die sich nach dem Glauben ihrer Bekannten schon jetzt in Himmel oder Hölle befinden, weiß niemand! Natürlich beruht diese Vorstellung auf der Ansicht, daß die Erde die Welt sei, die Erwartung von Lohn und Strafe aber auf selbstsüchtigen oder mißgünstigen Meinungen, oder etwa auf Gerechtigkeitssinn? Bei wem ist denn etwa dieser unfehlbar?

Im Gegensatze zu diesen mannigfachen Vorstellungen vom Jenseits gab es eines der höher zivilisierten Völker, das keine Fortdauer der Seele nach dem Tode annahm. Es waren dies dieselben Israeliten, bei denen der Glaube an Einen, alleinigen Gott seinen Ursprung hatte. Selbst orthodoxe Theologen geben zu, daß im A. T. bis zur Wegführung der Juden nach Babylon sich keine Lehre über eine Fortdauer nach dem Tode finden lasse. Der Grund davon kann kein anderer sein als der, daß sich zu diesem Glauben kein Bedürfnis zeigte. Das Wort Scheol, worin man eine Art Jenseits, eine Unterwelt suchte, zeigt in allen Zusammenhängen, daß damit das Grab gemeint ist. Nach der Rückkehr aus Babylonien erst, ohne Zweifel durch Einwirkung der persisch-zoroastrischen Lehre, nahmen die Juden eine Vorstellung vom Jenseits und zwar gleich eine recht ausgeschmückte an.

Es läßt sich nachweisen, daß die Lehren vom letzten Gerichte, von der Auferstehung der Leiber, von den Engeln und Teufeln und selbst vom Messias (pers. Sosiosch) von den Persern zu den Juden und von diesen zu den Christen gewandert sind. Seitdem bevölkerten sich der Himmel (Abrahams Schoß genannt) und die Hölle (Gehenna) außer jenen guten und bösen Geistern mit den Seelen der guten und bösen Menschen, welche Vorstellung die Masse des Volkes noch heute beherrscht.[14]

Die Freimaurerei hat sich niemals über Einzelheiten des Unsterblichkeitsglaubens ausgesprochen, sondern die Ansichten über diesen Begriff, der ja an soviel Unklarheit und Widersprüchen leidet, den Brüdern freigegeben. Man kann ebensogut ein wackerer Mensch und treuer Bruder sein, wenn man unter Unsterblichkeit das Andenken bei den lieben Hinterlassenen und den Ruhm bei der Mit- und Nachwelt versteht, wie wenn man an Himmel und Hölle, Engel und Teufel glaubt (doch dürfte der Glaube an die bösen Geister und ihr Reich unter den Brrn. sehr dünn gesät sein, trotz der Freundschaft zu Satan, die uns unsere Feinde lächerlicherweise andichten); denn es bedarf zu dem Verzicht auf ein „ewiges“ Leben einer starken Seele und eines unabhängigen Geistes. Dessenungeachtet ehrt die Freimaurerei den Begriff der Unsterblichkeit hoch und nimmt dies auch von den Brrn. an. Mit der Außenwelt teilt sie daher auch das Sinnbild der Ewigkeit (Gottes und der Welt) in der Gestalt des eine sich in den Schweif beißende Schlange vorstellenden Ringes, ohne es bei besonderem Anlasse anzuwenden. In diesem Sinnbilde liegen zugleich Weisheit, Stärke und Schönheit, nämlich Weisheit im Glauben an die Ewigkeit des Allgemeinen, des Wahren, Stärke in dem an die Ewigkeit des Guten und Schönheit in der Form des Ringes selbst, der schönsten, die es gibt. Das Sinnbild ist in der Tat sehr alt und bei allen höher strebenden und tiefer fühlenden Menschen geehrt. Weil es ohne Anfang und Ende ist, liegt darin alles enthalten, was es Wahres, Gutes und Schönes gibt.

Und so schließen wir mit diesem Ringe der Ewigkeit unsere kurz gefaßten Betrachtungen über die Sinnbilder der Freimaurerei, indem wir hoffen, daß unsere Abweichung von einigen bisher geläufigen, aber nach unserer Überzeugung veralteten Anschauungen, als im Interesse der Freimaurerei selbst vorgebracht, mit brüderlicher Nachsicht beurteilt werden möchte.

Es folgt noch, der Vollständigkeit wegen, ohne einzelne Sinnbilder zu berühren, eine kurze Darstellung der verschiedenen freimaurerischen Systeme oder Lehrarten.