In einzelnen Logen haben sich neuerdings Ableger der englischen Systeme gebildet, so 1865 und 70 in Freiburg im Breisgau durch Gottfr. Aug. Ficke aus Hamburg (1808-1887), der mit dem Polen Twenlowski eine eigenartige religiös-moralische Reform durchführte. In St. Gallen wurde 1868 das bis dahin geltende rektifizierte schottische System in altenglischem Geiste mit einigen neuen Gedanken umgearbeitet, was auch in andern deutsch-schweizerischen Logen Annahme fand. Die Großloge zur Sonne in Baireuth einigte sich 1873 auf das vom Professor J. K. Bluntschli in Heidelberg (1808-1881) verfaßte Gebrauchtum auf englischer Grundlage, diejenigen von Marbach und Findel fanden ebenfalls Beifall. Überall, wo die englische Lehrart in Deutschland Fuß faßte, huldigen die Logen dem humanitären Prinzip ohne religiöse Ausschließlichkeit. In den drei alten Graden ist auch unter der Oberherrschaft der zwei folgenden Systeme das Gebrauchtum der englischen Lehrart im wesentlichen erhalten geblieben.

b) Die französischen Hochgradsysteme.

Wenn auch nicht die ersten, wie vorhin gezeigt, so schreiben sich doch die schwersten und schädlichsten Abweichungen der Freimaurerei von ihren alten und echten, einfachen und prunklosen Grundsätzen von ihrer Einführung in Frankreich her. Hier entstanden in Mitte des 18. Jahrhunderts die sog. Schottengrade und Schottenlogen. Mit Schottland haben diese nichts zu tun, wie die dortige Großloge wiederholt erklärt hat. Woher also der Name kam, ist nicht sicher nachzuweisen, doch wohl von irgend welchen Verbindungen mit dem in Frankreich flüchtigen Hause Stuart oder von Sagen über alten Bestand der Freimaurerei in Schottland. Viel liegt nicht daran; denn der Inhalt dieser Grade, deren es etwa 50 an der Zahl gab oder noch gibt, bezieht sich auf ganz andere Dinge, so daß der Name willkürlich und unzutreffend erscheint. Es ist nicht hier, sondern in der Geschichte der Freimaurerei der Ort, zu erzählen, wie sich dieses Unwesen in Frankreich und zeitweise als „strikte Observanz“ auch in Deutschland verbreitet hat, in welcher Verbindung es mit Schwärmern und Schwindlern, sowie mit der römischen Kirche und den Jesuiten stand und welche Wahnideen von einer Fortdauer des Tempelritterordens in der Freimaurerei es nährte und pflegte.

Der heute noch bestehende und am weitesten verbreitete Zweig der sog. schottischen Maurerei ist das sog. altschottische oder französisch-schottische System der 33 Grade, deren Namen und angeblichen Inhalt wir oben ([S. 41 ff.]) aufgezählt haben, — angeblich sagen wir, weil es doch unwahrscheinlich ist, daß sich ernsthafte Männer mit solch’ unnützen Dingen beschäftigen sollten, unter denen wohl anderes (gewiß harmloses) verborgen steckt.

Die ersten Spuren dieses Systems finden sich in dem sog. Kapitel von Clermont, welches am 24. Nov. 1754 der Chevalier de Bonneville in Paris stiftete. Der Name Clermont war bezeichnenderweise von dem Collège Clermont entnommen, einem Jesuiten-Kollegium in Paris, von wo aus die Unternehmungen der Prätendenten Jakob III. und Karl Eduard Stuart unterstützt wurden. Das System Clermont arbeitete mithin im doppelten Interesse der Jesuiten und der Stuarts, und ist die Mutter oder wenn man will Großmutter des „alten und angenommenen schottischen Ritus“. Es enthält sieben Grade, nämlich über dem Meister: 4. schottischer Meister, 5. erwählter Ritter des Adlers, 6. erhabener Ritter oder Templer, 7. höchster erhabener Ritter. Diese Titel waren schon nichts weniger als bescheiden; aber es kam noch stärker. Es bildete sich auf Grundlage des genannten Systems 1757 in Paris ein neues, dessen Bekenner sich nicht geringer benannten, als: Souveräne Maurerfürsten, allgemeine Stellvertreter der k. K., Große Aufseher und Beamte der großen und souveränen

von St. Johannes zu Jerusalem. Neben diesem langen Titel trugen die Oberen des Ordens noch den kürzern, aber erhabenern der „Kaiser vom Osten und Westen“. Unter ihnen war der Orden in 25 Grade eingeteilt, welche sieben Klassen bildeten. Diese 25 Grade sind in den jetzigen 33 immer noch vorhanden, und unsere Dreiunddreißiger sind mithin die direkten Nachfolger von Leuten, welche sich selbst in vollem Ernste „Kaiser vom Osten und Westen“ nannten. Im gewöhnlichen Leben würden Menschen von gesundem Verstande Leute, die sich eine Würde beilegen, die sie nicht besitzen, einfach „Narren“ nennen. Diese Titularkaiser vereinigten sich 1772 mit der französischen Großloge; 1780 aber nahmen sie, wieder getrennt, den Titel „Souveräner Rat und erhabene Mutterloge der Vortrefflichen“ an. Von diesem System nun, aber als es noch den Kaisertitel führte, erhielt am 27. Aug. 1761 der Pariser Jude Etienne Morin ein Patent als „Großer Erwählter, vollkommener und alter erhabener Meister, Maurerfürst, Ritter und erhabener Fürst aller Orden der Perfektions-Mrei“ u. s. w., die Würde eines Deputierten Groß-Inspektors in allen Teilen der Neuen Welt, und die Vollmacht, in Amerika die Freimaurerei durch die Mitteilung aller von den „Kaisern“ anerkannten 25 Grade zu verbreiten u. s. w. Morin tat dies, verbreitete das System der Kaiser des Ostens und Westens in San-Domingo, Jamaika und Charleston, und hier war es, wo sich dasselbe um 8 Grade erweiterte und also deren 33 erhielt (angeblich nach den Lebensjahren Jesu, der aber von solchen Prunktiteln nichts wußte). In Frankreich gingen unterdessen die „Kaiser des Ostens und Westens“ und ihre Nachfolger in der Revolution unter wie die übrigen Freimaurer auch; aber im Jahre 1804 kehrte der Graf de Grasse-Tilly mit den französischen Truppen aus San-Domingo nach Paris zurück, versehen mit einer Vollmacht des Suprème Conseil des schottischen Ritus zu Charleston, laut welcher er in Europa Logen nach diesem Systeme zu errichten das Recht besaß. Noch in demselben Jahre gründete er den noch heute bestehenden Suprème Conseil des 33. Grades und trat an dessen Spitze als Souverain Grand Commandeur, welche Stellung er bis 1806 bekleidete, wo der Kanzler Cambacerès ihm nachfolgte, welcher zugleich Großmeister des Grand Orient war, was er bis zum Sturze des Kaiserreichs 1814 blieb. Mit dieser Zeit begannen die Reibungen und Zwistigkeiten der beiden Körperschaften, welche beide die 33 Grade besaßen und jede die allein rechtmäßige sein wollte.

Die ganze Einrichtung des schottischen Systems der 33 Grade beruht nun auf der erdichteten Behauptung, Karl Eduard Stuart (welcher gar nie Maurer war, sondern die Freimaurer zur Erreichung seiner dynastischen Zwecke zu mißbrauchen suchte) habe Friedrich II., König von Preußen (welcher mit Karl Eduard gar nie in Verbindung stand, sondern ein beständiger Verbündeter des in England regierenden Hauses Hannover war, welches Karl Eduard zu stürzen versuchte) zum Großmeister (welche Würde Karl Eduard niemals zu vergeben hatte) und zu seinem Nachfolger (in einer Würde, die er selbst nicht besaß) ernannt, und dieser, Friedrich der Große, habe am 1. Mai 1786 (als er sich längst nicht mehr um die Freimaurerei bekümmert hatte) die Hierarchie des schottischen Ritus (der in dieser Form in Deutschland niemals existiert hat) von 25 auf 33 Grade (welche Zahl erst 1801 in Amerika entstand) erhöht und die oberste Gewalt einem Suprème Conseil (welche Behörde es in Deutschland niemals gegeben hat) übertragen. Zum Überfluß hat die von Friedrich im Anfang seiner Regierungszeit (um 1740) gegründete Große Mutterloge zu den 3 Weltkugeln in Berlin im Jahre 1862 jene Ordenssage offiziell als eine Lüge erklärt. Endlich hat im Jahre 1875 der Kongreß des schottischen Ritus in Lausanne ebenfalls für gut gefunden, die Erzählung von Friedrich dem Großen aufzugeben. Es scheint dies jedoch mehr aus französischem Preußenhaß, als aus wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit geschehen zu sein; denn wäre die letztere maßgebend gewesen, so hätten auch die 33 Grade aufgegeben werden müssen. Es ist jedoch an letzteren kein Jota abgelassen worden, obschon Jedermann weiß, daß die 33 Grade in Wahrheit gar nicht existieren, sondern in fünf bis sieben Einweihungen erteilt werden, — so daß hier der beste Anlaß gewesen wäre, die Grade auf fünf bis sieben zu vermindern, — wenn nicht das Bestreben, mit pomphaften Titeln und klingendem Anhängsel an bunten Bändern zu prunken und zu prangen, alle anderen Rücksichten überwöge. Die schottischen Brüder werden zwar darin Mangel an brüderlicher Liebe und an Festigkeit in den maurerischen Prinzipien finden; aber die Wahrheit tut der Liebe niemals Eintrag. Wer auf Liebe Anspruch macht, muß auch die Wahrheit ertragen können, ja er muß dem Bruder, der ihm die Wahrheit sagt, sogar dankbar sein!!!

Die Fabeldichtung des sog. schottischen Systems, an sich schon stark genug der Wahrheit ins Gesicht schlagend, wurde noch weit übertroffen durch zwei spätere französische Ordensschöpfungen, die ihren Ursprung aus Ägypten herleiteten.

1. Der Ritus von Misraim (hebr. Name von Ägypten) wurde im Anfange des 19. Jahrh. durch den jüdischen Armeelieferanten Michel Badarride aus Avignon und seine zwei Brüder in Frankreich eingeführt und verbreitet. Die Sage von seinem hohen Alter ist zu lächerlich, um erwähnt zu werden. Die Lehre des „Orientalischen Ordens“, wie er sich auch nennt, ist eine Art mystischer Naturphilosophie und wird in 4 Serien, 17 Klassen und 90 Graden mit äußerst hochtrabenden Titeln „mitgeteilt“. Er behauptet, über seinem sichtbaren Oberhaupt, dem „souveränen Fürsten“, noch ein unbekanntes, den souveränen Großmeister zu besitzen. Seine Bemühungen, vom französischen Großorient anerkannt zu werden, blieben ohne Erfolg. Er brachte es bis 1898 auf 10 Logen.