2. Der ganz ähnliche Ritus von Memphis, der sich ebenfalls orientalischer Freimaurer-Orden nennt und eine ebenso keck erfundene Sage von uraltem Ursprunge behauptet, wurde in Wirklichkeit erst 1814 von Samuel Honis aus Kairo nach Frankreich gebracht und hatte 1816 in Montauban in einem gewissen Marconis sein „Groß-Hierophant“ genanntes Oberhaupt. Er schlief bald ein, erwachte aber 1838 unter Marconis dem Jüngern und verbreitete sich nach Belgien, England, dem Orient und Amerika. Seine von der Polizei nicht sehr geachteten Geheimnisse verteilte er in 7 Klassen und 90 Graden, deren oberer „Souveränes Sanktuarium“ (Heiligtum) genannt wurde. Die Lehre des Ordens ist ein Wandelgang durch alle Mysterien und Geheimbünde der Geschichte. Im Jahre 1860 schränkte er seine Grade auf die Zahl 33 ein. Vom Großorient erhielt er 1862 die Anerkennung, worauf sich jenem seine Pariser Logen anschlossen, während die auswärtigen unabhängig blieben, sich aber mit dem Misraim-Orden (1898) verschmolzen; neuerdings hat der vereinigte Orden auch in Deutschland Eingang gefunden.

c) Die schwedische Lehrart.[17]

Die Freimaurerei wurde in Schweden 1735 eingeführt und erhielt dort sieben aus Frankreich stammende Grade. Gründer des schwedischen Systems aber wurde 1756 der spätere Kanzleirat Karl Friedrich Eckleff (1726-1789), indem er auf Grund eines Freibriefes unbekannter Herkunft in Stockholm ein Kapitel errichtete, das er als „Vikar Salomos“ leitete. Es folgte 1760 durch ihn die Gründung der Großen Landesloge von Schweden, der sieben Logen unterstanden und in der er das Amt des zugeordneten Landesgroßmeisters bekleidete. Die Logen vermehrten sich, König Gustav III. trat selbst bei und übernahm den Schutz der Landeslogen. Die aus Frankreich stammende Fabel von einem Zusammenhange mit den Johannitern der Kreuzzüge wurde angenommen; auch die Legende vom Fortleben der Tempelritter kam dazu und veranlaßte die Errichtung drei weiterer Grade. Nachdem Eckleff seine Rechte dem spätern König Karl XIII. verkauft hatte, ging die Leitung des Ordens ganz an den jeweiligen König über und so blieb es bis heute, indem stets der König Ordensmeister und der Kronprinz Landesgroßmeister ist.

Schon 1766 wurde die schwedische Lehrart in Deutschland eingeführt, 1814 in Norwegen und 1855 in Dänemark; und 1891 erhielt Norwegen eine eigene Große Landesloge. In allen drei skandinavischen Staaten steht die Ordensleitung beim König.[18]

Von der Lehrart der drei nordischen Reiche weicht die in Preußen eingeführte in manchen Dingen ab. Eingeführt wurde hier das schwedische System durch den Feldarzt Joh. Wilhelm Ellenberger (1731-1782), der durch Adoption den Namen v. Zinnendorf erhielt. Zwar bereits der „strikten Observanz“ angehörend, aber nach höheren Geheimnissen begierig, ließ er sich aus Schweden von Eckleff die Akten seiner Grade und einen Freibrief senden, gründete Logen und 1770 die Große Landesloge von Deutschland, und 1773 erhielt er für diese eine Anerkennung aus England und im nächsten Jahre diejenige als Landesgroßmeister von Preußen. Nicht so günstig gestaltete sich das Verhältnis zu Schweden, von wo der Freibrief Eckleffs widerrufen wurde, worauf Zinnendorf 1777 seine Schöpfung von Schweden trennte. Auch mit England erfolgte ein Bruch, mit Schweden aber 1819 Versöhnung. Seit 1860 bekleidete der König von Preußen das Protektorat der Gr. L. L., seit 1895 führt es Prinz Friedrich Leopold. Kronprinz Friedrich Wilhelm, der spätere König und Kaiser Friedrich III. verlangte als Ordensmeister 1870 eine genaue Prüfung der geschichtlichen Ansprüche der Gr. L. L. und Reformen in ihrer Einrichtung, im Sinne einer Vereinfachung des Gebrauchtums, wie im Geiste der Zeit.

Der Gr. L. L. war dies unbequem; sie schloß den mit den Forschungen beauftragten Archidiakon Schiffmann und die Logen in Stettin und Stralsund aus; 1880 ließ sie sich aber wenigstens dazu herbei, die Templerfabel aufzugeben.

Die Gr. L. L. von Deutschland (deren Grade oben [S. 40] angegeben sind) und die übrigen des schwedischen Systems huldigen einer strammen protestantischen (doch unbekannt ob streng dogmatischen) Orthodoxie und nehmen Nichtchristen nicht auf. Für sie ist die Bibel kein bloßes Sinnbild, sondern eine Art Gesetzbuch. Die 3 alten Grade sind zur Unbedeutendheit herabgedrückt und den höheren Graden unbedingt unterworfen. Doch soll dieses Regiment (wohl infolge von Unzufriedenheit der Unterdrückten) in neuester Zeit milder geworden sein. Immerhin besteht ein scharfer Unterschied zwischen der Gr. L. L. und den dem englischen System zugetanen Logen. Einigermaßen wird diese Kluft notdürftig überbrückt durch die einem gemischten System huldigende, weil Hochgrade (vier an der Zahl) besitzende, Gr. National-Mutterloge zu den 3 Weltkugeln in Berlin (1740 von Friedrich dem Großen gegründet), eine deutsche Reform des schottischen Systems, die zwar dem schwedischen System formell nähersteht, als dem englischen, deren Mitglieder aber mit diesem mehr sympathisieren, wie auch die christliche Ausschließlichkeit in ihr nur noch auf schwachen Füßen steht.


Werfen wir einen Blick auf die drei Hauptlehrarten der Freimaurerei zurück, so gestaltet sich ihr geographisches Gebiet, wenn nach der Großzahl, die sie in diesem einnehmen, gerechnet wird, die Minderheiten anderer Systeme aber außer Berücksichtigung fallen, folgendermaßen:

I. Englisches System. Dieses umfaßt Großbritannien, die Niederlande, Deutschland westlich der Elbe[19], die Schweiz, Ungarn, die britischen Kolonien und die Vereinigten Staaten von Nordamerika.