Die Alten taten, als merkten sie nichts, freuten sich aber im stillen herzhaft über die heimliche Hausmusik, von der sie ja ganz sicher sein konnten, daß sie nichts Unziemliches üben und produzieren würde.

Die beiden Mütter, bisher in den Meinungsverschiedenheiten zwischen Vater und Sohn zuwartend neutral geblieben, aber im Innern durchaus der Überzeugung sicher, daß das klügere Alter ganz gewiß nicht bloß das Rechte wollte, sondern auch erkannte, fanden es nun an der Zeit, ihrerseits sanft leitend einzugreifen, und zwar eben im Hinblick auf das gute Zusammenspiel des Quartetts. Denn sie sagten sich mit mütterlicher Psychologie: Jetzt, wo die Jungen ein Geheimnis mit sich herumzutragen glauben, von dem sie nicht wissen, welchen Eindruck es hervorbringen wird, wenn sie es einmal enthüllen müssen, jetzt werden sie fügsamer sein als je.

Und sie irrten sich nicht.

Wie die Jungen merkten, daß von ihrem Nachgeben bei der Wahl des zukünftigen Studiums es abhinge, ob die gestrengen Alten in der Wahl der zukünftigen Braut Nachgiebigkeit an den Tag legen würden, waren sie bald entschlossen, die romanistische und germanistische Philologie zu opfern und in die sauren Äpfel der Juristerei und Medizin zu beißen, wenn ihnen dafür die süßen Äpfel aus dem Liebesgarten in greifbare Nähe gerückt würden.

Das war freilich nicht sehr überzeugungstreu gehandelt und eigentlich Felonie gegen das literarische Kränzchen, aber wenn man neunzehn Jahre alt ist und im Feuer der ersten Liebe steht, darf man für solche Abtrünnigkeit wohl mildernde Umstände zugebilligt erhalten.

”Weißt du, Franz,“ erklärte Karl, als er, etwas zaghaft, seinen Treubruch bekannt hatte, ”ich mußte doch auch an deine Schwester denken, und daß ich als Jurist viel bessere materielle Aussichten habe. Jedenfalls können wir viel früher heiraten.“

Karl fand diese Überlegung durchaus weise und wurde durch sie der Notwendigkeit überhoben, auch seinerseits Entschuldigungen vorzubringen. Dafür bemerkte er, daß man ja auch als Arzt und Jurist der schönen Literatur alle möglichen Opfer an Hingabe und Förderung bringen könne.

Nur vor ihrem literarischen Mentor, jenem Kameraden, der ihnen den Geschmack an Literatur beigebracht hatte, hatten sie ein bißchen Angst. Der aber zeigte sich, wie immer, auf der Höhe der Situation, indem er äußerte: ”Ihr konntet keinen vernünftigeren Entschluß fassen: Wenn jeder, der sich für Literatur interessiert, Literat werden wollte, würde die Literatur schließlich bloß noch Interessenten und kein Publikum haben. Mir persönlich habt ihr überdies einen Stein vom Herzen genommen durch eure Entschließung, denn ich habe mir schon manchmal Gedanken darüber gemacht, ob ihr auch begabt genug dazu wäret, euch aktiv in Literatur zu betätigen.“

Die guten Jungen fühlten sich durch dieses Verdikt sehr beruhigt und begannen nun, wie es ihrer gesunden, resolut aufs Reelle gerichteten Art entsprach, sich rechtschaffen mit ihrem ganzen Wesen auf ihren zukünftigen Beruf einzustellen, indem sich ein jeder dessen schöne Seiten und Möglichkeiten bewußt werden ließ.

Die Mütter triumphierten, und die Väter waren zufrieden.