Und Sturmius setzte sich an den Flügel und phantasierte über Beethovens Eroica.

Die Gleichgültigkeit, mit der Sturmius die Andeutung Saras aufgenommen hatte, beleidigte diese gar nicht. Sie fühlte dabei nur, daß der Maestro sie ebensowenig »liebte«, wie sie ihn, das heißt, daß ihr Verhältnis beiderseitig frei von aller Sentimentalität war – dies Wort ohne jede Abschätzigkeit gebraucht. Und das war ihr im höchsten Grade sympathisch.

Sie empfand es ganz deutlich: der häßliche Komponist huldigte ihrer Schönheit mit höchster Leidenschaft, ohne auch nur im geringsten im Gemüte beteiligt zu sein. Und nicht anders stand es um ihre Neigung zu ihm, nur daß sie seiner genialen Männlichkeit huldigte. Sein künstlerisches Temperament und sein scharfer Geist flößten ihr tiefsten Respekt ein, und sie empfand es als wollüstige Auszeichnung, daß er sie einer in glühende Erotik verdichteten Verehrung für würdig erachtete, die seiner Hingabe an die Kunst kaum etwas nachgab. Daß dieser Zustand nicht andauern würde, wußte sie wohl, und auch das war ihr recht. Sie hatte durch den gleichzeitigen Umgang mit den beiden Männern die feste Überzeugung gewonnen, daß sie sich nur in der Abwechslung ganz wohl fühlte.

Wie sehr sie sich dadurch von der ungeheuren Mehrzahl der Frauen unterschied, war ihr keineswegs unklar, und sie hatte auch Verstand genug, einzusehen, wie weit sie damit von der herrschenden Moral abrückte. Mit Sturmius konnte sie darüber von der Leber wegreden, und das erschien ihr als großer Vorzug des deutschen Künstlers vor dem russischen General, dessen Qualitäten auf einem ganz entgegengesetzten Gebiete lagen. Sie waren ihr nicht weniger gemäß, ja sie lagen ihrem eigenen Wesen als Frau näher. Aber sie war doch nicht so ganz Orientalin, wie der Verehrer Asiens glaubte, sie war viel differenzierter, westlicher, als er ahnte, dem gegenüber sie sich von vornherein viel weniger enthüllt hatte, als dem Deutschen. Er kannte in ihr nur die Sulamitin, wie er sie sich ins alte Testament hineinkonstruiert hatte, aber sie war, ihm unbewußt, gleichzeitig gar sehr modern, im Sinne der Emanzipation des Fleisches durch das Gehirn, wie sie Heinrich Heine gepredigt hatte, den Fürst Golkow nicht anders zu nennen pflegte, als das »Genie der jüdischen Entartung.«

»Dieser Auswurf des Orients, dieser Teufel in Judengestalt, ist von der Vorsehung dazu bestimmt gewesen, das ganze Talent seiner Rasse zu keinem anderen Zwecke zu verkörpern als zu dem: Die Deutschen zu demoralisieren und dadurch reif zum Untergange durch das Slaventum zu machen. Goethe, auch ein gefallener Engel, ist ihm darin vorangegangen, aber längst nicht mit so diabolischem Erfolg, denn Goethe war ein ästhetischer Hellene. Heine, indessen, war Juden-Grieche. Goethe konnte, bei allem Hellenentum, noch ein Gretchen fabulieren. Heine hat dieses Gretchen vergiftet, indem er es emanzipierte. – Und dieses Volk, diese Deutschen, erst durch Rom verdorben, dann durch Luther um jedes Gefühl der Religion gebracht, dann durch Kant bis zur Gasflüssigkeit in reine Vernunft aufgelöst, dann durch Goethe in griechische Formen vereist, durch Schiller aber wieder durch heiße Phrasen aufgetaut, daß sie wie Brei auseinander flossen, und schließlich von Heine mit allen Gärungsstoffen aus dem Sumpfe jüdischer Entartung durchsetzt, – dieses Volk von lauter Individuen will – einig, will ein ganzes werden. Es hat niemals ein lächerlicheres politisches Phänomen gegeben, und auch Herr von Bismarck wird beim besten Willen nicht imstande sein, aus dieser Fata Morgana ein Gebilde von Realität zu machen.«

Auf solchen Umwegen pflegte der Verehrer Asiens auf die heilige Allianz zu kommen, die für ihn der letzte Gipfel europäischer, – nämlich asiatischer Politik war.

Zuweilen machte sich Madame Sara das Vergnügen, diese Gedankengänge, die sie nur mäßig interessierten, vor Sturmius auszubreiten, der sich darüber schief lachen wollte.

»O du güldne Posaune von Jericho,« rief er dann wohl aus, »o du lustig schmetternde! Nie bist du reizender, als wenn dein schöner Mund so greulichen Unsinn tönt!«

Dagegen nahm er ihre eigenen Ergüsse über ihre Ansichten von Liebe ohne Sentimentalität ernst.