Denn ich war sehr zornig. Er aber schien keineswegs beleidigt, sondern lächelte und sprach: »Wisset Ihr nicht, da Ihr ja doch auch mit Farb und Pinsel hantiert: daß jeglicher nichts malen kann, als sich selbst? Wenn ich spreche, so bin ich der Ton; wenn ich sehe, ist's mein Gesicht; mal ich, so kommt nichts auf die Tafel als immer ich. Da ich nur ich sein kann, was könnte anderes von mir kommen als ich? – Christus! Wer ist das? Immer der, der ihn fühlt, von ihm redet, ihn malt. Was schüttelt Ihr Euch und tut entsetzt? Kennt Ihr die Schrift nicht? Wisset Ihr nicht, daß er sich allen gegeben hat? Nun: so auch mir. Und dieser da (er wies zur Tafel) ist wahrlich der meine, so ganz und gar, daß wir beide ein und derselbe sind.«
Daß ich es gestehe: ich bebte vor großem Zorn, und ich rief: »Von Sinnen seid Ihr, und ich müßte Euch vors geistliche Gericht bringen, wüßte ich nicht, daß Wahnsinn aus Euch phantasiert.« Er fuhr sich durch sein stachelig Haar und murmelte etwas, wovon ich nichts verstand als: Noch nicht, noch nicht!
Dann sagte er, ganz ruhig: »Mensch! Mensch! Weißt du nicht, daß alles Große Wahnsinn ist? Als die Liebe Wahnsinn wurde, schlug man sie ans Kreuz. Holla! Seitdem ist sie tot. Nun ist Raum für den Zorn … Doch das versteht Ihr nicht. Sonst würdet Ihr's aus meinem Bilde lesen, darauf es deutlicher steht als auf allen anderen Tafeln des crucifixus. Doch steht es auf allen: selbst den ganz lästerlichen: die da lächeln.«
Mit einem Male schien es, als wollte er mir zu Leibe. Er schritt auf mich zu, die kleinen Augen so verkniffen, daß die Blicke aus einem Schlitze schossen, stieß mir die Faust auf die Brust und schrie: »Tolle Hunde haben mehr Gefühl für das Opfer auf Golgatha als Ihr, die Ihr aus einem Löwen ein Lamm gemacht habt. Es tut Euch wohl, sein blutiges Vließ zu krauen. Es tut Euch wohl, Wasser aus den Augen zu lassen über den, der Blut aus seinem Leibe ließ für Euch. Es tut Euch wohl, aus dem Größten eine Puppe gemacht zu haben, damit Ihr spielen könnt!«
Ich wollte gehen. Aber er hielt mich fest. Und schleppte mich zu dem großen verhangenen Bilde. Dort ließ er mich los und stieß mich in einen Stuhl.
Und sprach: »Hast du vernommen, daß nachts Geister kommen, mich zu besuchen?«
Ich hatte es vernommen und antwortete so, fügte aber hinzu, daß ich es nicht glaubte.
»Es ist!« rief er.
Ich schlug das Kreuz.
»Laßt den Gestus!« sagte er ruhig. »Der Geist, der zu mir kommt, ist nicht höllisch. Christus selber ist hier jede Nacht und mit ihm die Madonna.«