Und er murmelte, als sei ich gar nicht da:

»Es will nicht glühen, wie in der Nacht. Die Purpurspitzen ihrer Brüste sind noch tot. Das Fleisch ist viel zu hell. Im Haar zu wenig Brand noch. Als meine Hand darüber fuhr, hat es geknistert. Das dort ist Werg, nicht Leben. Sonst … ist … sie … schön.«

Er atmete schwer und laut und ließ die Hand sinken. Und merkte nun mich, stand auf und schritt schnell her, griff über mich weg und riß den Vorhang wieder vor das Bild.

»Steh auf!« herrschte er mich an. »Danke deinem Gotte, daß er dich davor bewahrt hat, das zu sehen, was meine schamlose Raserei dir enthüllt hat. Denn wisse: auf dieser Tafel ist die Madonna in Wahrheit, vom nackten Leben leibhaft, geisthaft hergerissen mit der Brunst meines Auges. Würdest du sie gesehen haben, hätten dich diese meine Hände erwürgt. Und nun geh und schrei es auf den Gassen aus, daß Samalio Pardulus die Madonna nackt gemalt hat, reitend auf einem Zentauren mit den Zügen ihres Sohnes, der ihr Bruder ist. Und daß er mit ihr wegsetzt vom steinigen Felsen Golgatha über einen Abgrund voller Blut, aus dem die Spitzen von Domen ragen zu einem Schlosse von veilchenfarbenem Amethystquarz, bewacht von den Tieren der Apokalypse, und daß dieses Schloß der Sarg Gottes ist, in dem Samalius wohnt und wacht, daß keine Würmer zu ihm kommen.«

Man darf es dem Florentiner glauben, daß er nach diesen »Worten das Weite gesucht hat, wie einer, dem der Böse auf den Fersen ist.« Trotzdem hat er nicht den Angeber gespielt und seine Erlebnisse niemandem vertraut, als den Blättern seines Buches.

Aber auch ohne seine Mithilfe wurde es ruchbar, daß nächtlicherweile Unheimliches sich begab auf dem Schlosse im Walde.

Da Samalio nachts niemand bei sich hatte als einen alten halbblinden und ganz stummen Diener, so konnten die Gerüchte nicht aus dem Schlosse kommen. Sie entstanden in der Stadt selbst, im Hause der Eltern des Malers.

Seit diese wegen der bevorstehenden Hochzeit der Tochter zu mächtigen Verwandten des Bräutigams nach Rom gereist waren, ging es im Palazzo Nacht für Nacht um. Unnötig, all das zu erzählen, was die erschrockene Dienerschaft allnächtlich gesehen und gehört haben wollte. Übereinstimmend wurde dies berichtet:

Allabendlich, sobald es ganz finster geworden war (man befand sich im Dezember, und es war ein nebliges Wetter ohne Mondschein), kam den steilsten Steg zur Stadt heran, den sonst nur die Ziegenhirten nahmen, ein riesiges schwarzes Pferd, auf dem ein hagerer Mann saß, gehüllt in einen schwarzen Mantel, auf dem schwarzbärtigen Kopfe einen breitkrempigen Kegelhut. Man hätte, wäre nicht der Bart gewesen (und das andere, das nur Gespenstern eigen ist), meinen können, es sei Samalio. Doch war es sicherlich ein Gespenst, denn aus dem Mantel, daher, dorther, und von seinen Schultern leuchteten gelbe Lichter, und grüne Lichter liefen neben dem Pferde. Der Wachtturm des Hauses, das wie alle Häuser der adeligen Geschlechter mehr eine Burg als ein Palast war, stand auf der Stadtmauer, und auf seinem Umgang befand sich, wie auf den eigentlichen Mauertürmen, die ganze Nacht hindurch ein Wächter. Nur er konnte die Erscheinung verfolgen, sobald sie der Mauer nahe gekommen war. Denn die übrigen Fenster des Palastes, der von der Mauer etwas abstand, gewährten keinen Blick dorthin. Auch hätten wohl weder Männer noch Frauen den Fürwitz gewagt, das Gespenst nahe zu betrachten, da es schon entsetzlich genug anzusehen war, wie sich, sobald Pferd und Mann in das Schattenbereich der Mauer gekommen waren, die gelben Lichter aus dem Mantel und von den Schultern des Mannes in die Lüfte erhoben und das Haus zu umschwirren begannen, während die grünen Lichter in weiten Bogen den Raum vor dem Turm umkreisten. Aus dem Wächter war nichts herauszubringen als das eine: Der Mann im schwarzen Mantel schritt durch das geschlossene Turmtor, ohne daß sich dessen Angeln drehten. Als er aber das erste Mal gekommen sei, habe er ihm folgendes gesagt: Mein Anblick tötet dich. Ich schone dich, solange du allein wachst. Erblicke ich dich mit Kameraden, so bist du wie sie des Todes. Daher sich niemand herbeidrängte, dem Wächter Gesellschaft zu leisten. Auch hütete sich im Hause ein jeder wohl, die Augen aufzutun, solange »der Schwarze« darin war. Der Wachthund, ein riesiges Tier, war am Morgen nach dem ersten Erscheinen mit durchbissener Kehle gefunden worden. Das Gespenst blieb stets nur ganz kurze Zeit im Palast. Seine Anwesenheit machte sich lediglich durch ein sonderbar tappendes Geräusch von vielen Schritten, wie von Kindern, die ein Mann begleitet, merkbar. Kaum, daß dieses Geräusch vorüber war, konnten die Mutigeren von ihren Fenstern aus Pferd, Reiter und Lichter im Walde verschwinden sehen: in der Richtung zum Waldschlosse Samalios.