Messer Giacomo, der nicht im Palast wohnte, sondern ein kleineres Haus in der Mitte der Stadt angewiesen erhalten hatte, berichtet alles dies vom Hörensagen nach Erzählungen der Dienerschaft. Da er es für angebracht hielt, einen reitenden Boten nach Rom zu senden, um die Herrschaft von dem unheimlichen Wesen zu unterrichten, aber nicht ohne die Meinung der Tochter des Hauses handeln wollte, der er überdies Schutz und Beistand bei so schreckhaften Umständen anzutragen sich verpflichtet glaubte (denn alle oberen Hausbediensteten waren mit auf der Reise), so begab er sich zu Maria Bianca:

»Ich fand das edle Fräulein,« so schreibt er, »gegen alle Erwartung heitern Sinnes, obgleich sehr blaß und trotz des Lächelns in den schönen Augen, gleichsam wie eine Kranke, welche die Tröster trösten will. Sie scherzte über das Gerede des Gesindes und sprach: Ich habe wahrlich keine Furcht vor dem Gespenste: so wenig, daß ich meine Kammerfrau, die früher bei mir schlief, aus meinem Schlafzimmer getan habe. Das alles sind nur Torheiten, und es ist nicht wert, darüber zu sprechen, geschweige denn einen Boten aufs Pferd zu setzen. – Auf so bestimmte Meinung des gnädigen Fräuleins hin unterließ ich die Botschaft.«

Nach seinem letzten, schreckhaften Besuche bei Samalio indessen überkam ihn doch aufs neue Angst, zumal von Bauern aus der Umgebung des Waldschlosses schon früher aufgetauchte Gerüchte bestätigt worden waren, es ginge auch dort Absonderliches vor: mit seltsam singenden Stimmen und einer sonst nie wahrgenommenen bunten Helligkeit hinter den Fenstern. Und er ging nochmals zu Maria Bianca. Er schreibt (mit zitternden Händen, wie er vorausschickt): »Was habe ich sehen müssen! Schlimmeres als eine Kranke. Ihre Augen leuchteten wie im Fieber und sie entsetzten mich, da ich sah, daß sie jetzt denen des Ungeheuers gleichen. Sie ist ganz verändert und dennoch so schön wie je. Aber anders. Gott verzeihe mir den Frevel, daß ich so denke und es hinschreibe: Ihre Schönheit ist schamlos worden. Wie das? Wie darf ich so Unmögliches denken? Jedoch: ich sah es. Mit diesen Augen sah ich den gleißenden Wurm in ihren Augen. Und wenn alle Heiligen um mich her stünden, und alle ihre Martern mich bedrohten, und alle ihre Seligkeiten mich zurückschreckten vor jedem unbedachten Wort, – ich muß es sagen (und schrecke doch zusammen, wie ich es nun schreibe), sie hat den verruchten Stolz der großen Huren im Blick. So brennen die Lippen keiner Keuschen. Keine reine Jungfrau liegt so im Gestühl. Selbst in ihrer Stimme ist nicht Unschuld mehr. Es ist eine bebende, wollustnachzitternde Reife in ihr, die wie eine schamlose Offenbarung des Geheimsten ist. Da ist Sättigung und Begierde, aber etwas Drohendes und doch Verzweifeltes ist dabei. Ich suche vergeblich, es in Worte zu fassen. Die toskanische Sprache, reich genug wie wir wissen, Himmel und Hölle zu malen, scheint unvermögend, diesen Triumph voller Qual, dieses Beben aus erfülltem Stolz auszunennen. – O, ich konnte wohl alle meine Fragen und Berichte, derentwegen ich gekommen war, für mich behalten, denn ich wußte auf einmal alles: Nicht törichtes Geschwätz der Gesindestuben ist dieser Spuk, der sich hier begibt und dort erzeugt wird: ist Wahrheit, furchtbare, schändliche, höllische Wahrheit. Das Ungeheuer drüben, unvermögend, diesen Engel blutschänderisch selbst zu gewinnen, hat sich mit der Hölle verbündet, ihr den Inkubus zu senden, und dem ganzen Teufel gelang, was dem halben mißlingen mußte. Der Engel ist gefallen: eine Teufelshure richtet sich auf im verfluchten Stolze der Wollust. In diesem Hause wohnt die geile Pest der Hölle, gesandt von jenem Scheusal, das durch den Anblick einer reinen Schönheit zum Wahnsinn und vom Wahnsinn zum Frevel aller Frevel getrieben wurde: zur Zauberei. – Wie groß ist doch die Macht des Bösen! Als sie mich anlächelte und mit einem seltsam vollen Tone von scheinbarer Sorglosigkeit sagte: »Nicht doch, Messer Giacomo, bei meinem Bruder sind so wenig höllische Geister wie hier, und es tut wahrlich nicht not, die Eltern zu erschrecken,« da war ich einen Augenblick selber im Netze des Teufels und gedachte wiederum, die Botschaft sein zu lassen. Aber siehe, der Böse verrät sich schließlich doch: Denn es kamen noch die Worte (gewiß aus widerwilligem Mund, denn ich sah, daß er bebte): Das Schicksal ist weder aufzuhalten noch zu beschleunigen. Es erfüllt sich, wenn es zeitig ist. – Ich verbeugte mich, nahm Urlaub und ging. – Der Bote ist auf dem Wege. Wär' ich bei besseren Kräften, ritte ich selbst. Denn es ist wahrlich besser, im Sattel zu sitzen und auf unsicheren Straßen Tag und Nacht zu reiten, als hier zu sein, wo sich so Schreckliches begibt und noch Entsetzlicheres vorbereitet.«

Folgt ein Gebet zu allen Heiligen und ein Spruch zur Abwehr der Dämonen.

Aus den weiteren Aufzeichnungen des Florentiners ergibt sich dies:

Die Eltern schickten den reitenden Boten sofort mit der Anzeige zurück, daß sie sich unverweilt auf die Rückreise begeben würden. Diese Botschaft, mündlich gefaßt, erging an die Tochter und kam zu später Abendstunde an. Das Gesinde, sehr erfreut darüber, benachrichtigte sogleich Messer Giacomo, der sich auf der Stelle in den Palast begab, am Morgen des folgenden Tages gleich zur Stelle zu sein. Maria Bianca, statt ihn vorzulassen, ließ ihm sagen, er habe sich übel um ihre Eltern verdient gemacht. Wenn ihm sein Leben lieb sei, möge er sich stille halten und seinen Fürwitz nicht weiter treiben. Er schloß sich erschreckt in sein Zimmer ein. Kaum eine Stunde später begab sich das Übliche. Nur, wie die Dienerschaft erklärte, heftiger, lauter als sonst. Man hörte das Fräulein stöhnen und eine heisere Mannesstimme. Türen fielen ins Schloß, ein gräßlicher tierischer Laut fauchte heulend auf und ging in ein wütendes Wimmern über, das lange anhielt. Es schien aus dem Schlafzimmer des Fräuleins zu kommen.

Der ›Inkubus!‹ dachte sich Giacomo und schlug, solange es erklang, das Kreuz. Endlich ward es still, aber niemand wagte sich aus seinem Zimmer.

Am frühen Morgen schon kam die Herrschaft an. Die Nebel hatten sich noch nicht gehoben. In den Korridoren des Palastes lag dämmeriger Halbschein. Der Vater befahl eine Laterne und begab sich, wie er ging und stand, im Reisepelze zum Zimmer Maria Biancas, denn er hatte der ungewiß enthaltenen Botschaft entnommen, daß sie krank sei von dem Spuke. Messer Giacomo, in dessen Ohren noch immer das gräßliche Wimmern klang, führte die ganz erschöpfte und geängstigte alte Dame. Die Dienerschaft drängte hinterdrein.

Ein paar Schritte vor der Tür machte der Graf halt und wandte sich an Giacomo: »Ihr habt mir nicht alles gemeldet. Es steht schlimmer. Warum kommt sie uns nicht entgegen?«