Er ließ für sich, Giacomo und zehn Knechte satteln, setzte, für den Fall, daß er im Kampfe mit dem Zauberer zu Tode kommen sollte, sein Testament auf, sein ganzes Vermögen der Kirche vermachend, tauchte Schwert und Dolch in geweihtes Wasser und ritt langsam mit seinen Begleitern zum Walde. Rechts von ihm ritt Messer Giacomo, links der Turmwächter. Dieser, sonst der Mutigste unter allen Dienern des Grafen, wankte schier im Sattel und war entstellt von Angst und Grauen. Sein Gebieter sprach ihm Mut zu, aber je näher sie dem Schlosse kamen, um so unsteter wurde sein Blick, um so blasser sein Gesicht.
Wie sie des Schlosses ansichtig wurden, das im fahlen Lichte eines sonnenlosen Tages dastand, wie aus glanzlosem Blei, graubläulich, gleichsam tückisch, hieß der Graf alle von den Pferden steigen und niederknien zu beten. Dann, als sie wieder im Sattel saßen, mußten sie die Schwerter ziehen, sie steil gerade vor sich halten als Kreuzeszeichen und die Hymne singen:
Wir ziehen aus, zu streiten
Für Jesu Christ,
Der unserm tapfern Reiten
Unsichtbar Führer ist,
Seine Fahne, schneeweiß,
Kyrieeleis,
Wird uns zum Sieg geleiten.
»Es war uns allen,« schreibt der Toskaner, »ausgenommen den alten Herrn, wie ich anbetrachtlich des Funkelns in seinem Aug', glaube, nicht gar mutig zu Sinne. Aber das Lied, wie es aus uns drang, umgab uns gleichsam mit dem Atem tapferer Erzengel. Als wir vor dem Tore hielten, sah ich, daß alle Knechte wacker rote Wangen hatten, bis auf den Wächter.«
Da das Tor verschlossen war (wie auch alle Fenster, die Läden vorhatten), schlug der Graf mit dem Knaufe seines Schwertes daran und rief: Im Namen des Dreieinigen, öffne!
Statt der Antwort erfolgte ein harsches, gaumiges Röcheln. Dann klirrten Schlüssel, die Türflügel kreischten in den Angeln, und aus der Öffnung trat der alte Diener, sogleich in die Knie sinkend und beide Arme ausbreitend. In seinem qualvoll aufgerissenen Munde sah man die schwere Zunge wie im Krampfe zucken, während im Gaumen wieder die entsetzlichen nach Ausdruck ringenden Laute röchelten. In den blinden Augen lag leer, grau der Widerschein des dunstigen Himmels.
Der Florentiner berichtet: »Obgleich der Erbarmungswürdige weder mit dem Munde noch mit den Augen zu sprechen vermochte, verstanden wir ihn doch alle gleich und wußten, daß das Scheusal tot war.«
Der Graf winkte den Knechten, zurückzubleiben und gebot dem Stummen, ihn und Giacomo zur Leiche zu führen. Der aber warf sich lang auf die Erde bin, als ob er sich mit den Händen in sie einkrallen wollte.
»Da wußten wir,« schreibt Giacomo, »daß uns noch Schlimmeres bevorstand, etwas, das selbst den entsetzte, den Blindheit davor bewahrt hatte, es sehen zu müssen.«
»Ich möchte es Euch, Messer Giacomo,« sagte der Graf, »gerne ersparen, mich zu begleiten. Aber, seht, mich wandelt jetzt Furcht an, da ich mich doch nicht davor gefürchtet habe, den zu töten, der das Leben von mir hatte. O mein Gott, warum begnadigst du mich nicht mit Blindheit! Furchtbares zu tun, hat für den Edlen keinen Schrecken, wenn Not und Pflicht gebietet. Aber es gibt Dinge von einem Antlitz, dessen Ahnung schon auch den Tapfersten zur Flucht scheucht. Doch es muß geschehen. Ich muß mit diesen Augen sehen, was mein Herz schon weiß. Messer Giacomo, die Sünde braucht den Teufel nicht. Wenn Ihr Euch jetzt noch vor höllischen Geistern fürchtet, so sage ich Euch: Ihr könnt ruhig mit mir gehen. Wenn Ihr aber dem Grauen nicht gewachsen seid, das von der verfluchten Natur ausgeht, aus der wir alle sind, so sage ich Euch: Laßt es mich allein ertragen, der ich es muß, weil ich mit meinem Blute daran schuldig bin.«