Der Florentiner, der diese Worte so berichtet, fügt hinzu: »Auch jetzt, da ich dies mit Besonnenheit aufzeichne, verstehe ich es nicht, geschweige denn, daß ich es verstand, als ich es vernahm. Der Böse, dessen augenscheinliches Werk mein armer edler Herr von jenem Augenblick an leugnete, hat ihn verwirrt. Gelobt sei Gott dafür, daß er wenigstens meinen Geist vor Verdunklung schützte.«

Die beiden gingen durch dunkle Korridore, dunkle Treppen hinauf zu dem großen Turmgemache, das Giacomo als Werkstatt des Malers kannte, und wo er mit Recht vermutete, daß sie seine Leiche finden würden.

Lassen wir ihn berichten: »Ich schritt voraus und hob den ledernen Vorhang auseinander, daß der Graf eintreten konnte. Er ging aber nicht mit mir ins Zimmer, sondern hielt sich rechts und links mit der Hand am Türvorhang fest. Ich hörte, wie sein Atem ging, und war froh, dies Leben zu hören, denn es kam nun das schwerste Grauen von allem über mich, so, daß ich nicht mit Schritten zu gehen wagte, sondern, keinen Fuß hebend, mich gleichsam füßlings über den Teppich vorwärts tastete. Da stieß ich mit den Knien gegen etwas Weiches an und bog mich behutsam darüber, die suchenden Hände vorstreckend. Nie vordem habe ich gewußt, daß das furchtbarste Grauen, das der Mensch empfinden kann, in den Fingerspitzen wohnt. Alle Qual der Furcht, des Entsetzens, das sich gleichsam zurücksträubt und doch wie eine willenlose Last langsam, fürchterlich langsam und dennoch unabwendbar, vorwärts wuchtet, saß knäuelhaft, wie geduckt zusammengerollt unter meinen Fingernägeln, die mir (doch war das sicherlich Blendwerk) zu leuchten schienen. Dies alles währte kaum die Dauer eines Atemzuges und war dem Gefühle nach eine Ewigkeit – bis der Augenblick kam, da die Qual gleichsam in die Wut umschlug, sich selber ein Ende machen zu wollen, und sei es durch noch Schlimmeres. Ich warf mich vornüber und flog mit einem grauenhaften Schrei zurück. Meine Hände hatten zwei nackte, schauerlich kalte Frauenbrüste gefühlt, mein warmer Mund einen kalten berührt.

Ich taumelte bis zum Vorhang zurück und keuchte: »Die Hexe! Dort!«

Der Graf drängte mich beiseite und murmelte: »Ich wußte es.« Dann, ein paar Schritte vorwärts tuend, lauter: »Ich bitte Euch, laßt Licht herein. Ich fühle die beiden, und es verlangt mich nun sie zu sehen.« Er schien ganz ruhig. Ich hörte seinen Atem nicht mehr. Ein Knarren verriet mir, daß er auf einen Stuhl getroffen war, in den er sich niedergelassen hatte.

Ich tastete mich die Wand entlang zum Fenster, um ja nicht beim Durchschreiten des Zimmers nochmals in Berührung mit einem der beiden verfluchten Leiber zu kommen. Denn noch immer rann ein schaudervolles, eisiges Entsetzen durch meine Adern. So voller Grausen war ich und gleichsam angstbeflissen, daß, als des Grafen Hand an der Seite der Stuhlwange herabglitt, ich beim Hören des leisen, schürfenden Tones zusammenknickte, für einen Augenblick nicht anders vermeinend, als es sei ein Seufzer aus toten Lippen.

Endlich war ich beim Fenster angelangt und fühlte die Quaste der Vorhangschnur in meiner Hand. Ich brauchte meine ganze Kraft zu der geringen Arbeit, die Gardine sich teilen zu lassen: so völlig erschöpft war ich. Um aber das Fenster und den einen Laden zu öffnen, bedurfte ich der Hilfe des Gebets. Ich rief laut die Madonna an, mir beizustehen.

Da hörte ich einen greulichen Fluch. War da mein alter, edler, frommer Herr, der über die Reinste der Reinen das schmutzigste Wort spie?

Wollte Gott, ich dürfte noch glauben, daß er der Satan selber war, wie ich es damals glaubte. –

Ich riß Fenster und Läden auf, indem ich, ohne mich umzuwenden, schrie: »Fleuch hinaus, Geist der Finsternis! Weiche, weiche, weiche von uns, Fürst der Hölle!« Und legte meine Stirn aufs Fensterbrett, nochmals zu beten. Der feuchte, kalte Wind aus dem Walde strich mir übers Haar und weckte mich gleichsam aus dem wohltätigen Schlummer der Andacht, die mich aber doch so weit gestärkt hatte, daß ich spürte, es sei geraten, mich diesem Luftstrome nicht länger auszusetzen. Ich wandte mich um, vermied es aber wohl, dorthin zu blicken, wo ich die beiden Leichen vermutete. Doch sah ich den Grafen. Er saß in dem flammrot seidenen hochlehnigen Stuhle des Malers, den ich wohl kannte mit seinen goldeingewirkten Zeichen einer fremden heidnischen Schrift. Steif angelehnt saß er, ganz regungslos; auch die Arme und Hände, gerade hingelegt auf die Armlehnen, rührten sich nicht im mindesten. Man hätte meinen können, er sei tot.