Nur die Augen lebten. Lebten gierig.

Und es waren die Augen des Scheusals.

Mir war, als starrten diese selben Augen überall her: kalt glühend durch das kalt graue Morgenlicht. Sie glotzten kugelig von den Buckeln der kupfernen Wandleuchter, blinzelten verkniffen aus allen Facetten der Gläser und Flaschen auf dem Kredenzbord, schossen blitzende Blicke von den Spitzen der Degen, Dolche, Hellebarden an der Wand, lauerten tückisch in allen Falten der Vorhänge.

Ich sah wohl, daß der Böse sich nicht hatte bannen lassen durch meine Gebete, und bald mußte ich es auch hören.

Denn er sprach aus dem Grafen wie folgt: »Ihr mußtet sterben, um mich fühlen zu lassen, wie verwandt ich euch bin. Mit meinem Blute habt ihr: mein Blut hat in euch gesündigt. Wie dürfte ich verdammen, da ich, ob auch mit Grauen, verstehe? Der Tod ist ein mächtiger Lehrer. Ich habe die Hölle verlernt vor seinem Grauen. Sie ist nicht hinter dem Tode, ist vor ihm: in diesem Leben, das kraft heiliger Gesetze verbietet, wozu der unheilige Geist treibt, der in unseren Adern glüht. Ich habe ihn stets gebändigt. Und durfte wohl stolz darauf sein: denn mein ganzes Leben hat sich dem Gesetze geopfert. Aber siehe, mein Blut hat sich gerächt: mein Opfer war unnütz und ein frommer Frevel. Ich durfte rein bleiben, weil diese da alle meine Unreine in sich nahmen. Wo ist da Gott? Wo ist da Teufel? Ich sehe, daß ihr sehr elend und von aller Heiligkeit ausgeschlossen wart: Verworfene vor allen Menschen; und doch überkommt mich der Glaube, daß euer Leben völliger war als das meine, und euer Tod freier und stolzer als der der Frommen, doch noch im letzten Augenblicke um Vorteil handeln. Ihr seid in einer großen Gewißheit dahingegangen nach großen Sünden; ich aber, der Fromme, bleibe voller Zweifel hier und fürchte, daß ich weder selig noch unselig sterben kann.«

Selbst die Stimme, in der dies sprach, war nicht des Grafen Stimme. Sie hatte einen vollen, zuversichtlichen, tapferen Ton gehabt. Was hier klang, war wie der Ton einer gesprungenen Glocke. Es war, als schwebte er nicht durch die Luft, sondern er glitte von den Lippen, rönne über Kinn und Brust, tropfte den Stuhl hinab zum Teppich, kröche über diesen weg zu den beiden.

Mir aber gruben sich die Worte, wie matt sie auch klangen, mit einer magischen Gewalt ein, so daß ich sie zu jeder Stunde wiederholen könnte, wie ich sie jetzt gleichsam unter dem Diktate des Satans niedergeschrieben habe. (Ich wage es, die Wahrheit zu sagen, in diesem Augenblick nicht, hinter mich zu blicken, denn ich weiß: in dem Bilde des heidnischen Ahnherrn dieser nun erloschenen Familie, das ich selber nach einer alten Tafel im Palaste hier auf die Wand übertragen habe, stehen jene beiden Augen. Ich weiß es, denn ich fühle ihren Blick als einen dumpfen Druck am Nacken.)

Immer noch starr geradeaus schauend, wandte sich der Graf nun in seinem alten, nur etwas müderen Tone mit diesen Worten an mich: »Seht Ihr, wie schön sie ist, Messer Giacomo?«

Antwortete ich: »Nein, Herr. Gott verhüte, daß ich meine Blicke zu diesem Greuel wende. Die Hexe ist nackt.«