Sprach er, nicht zornig, aber gestrenge: »Laßt dieses Torenwort und sprecht mit Achtung von meiner Tochter. Nackt ist sie, aber so schön, daß nichts Schamloses an ihrer Nacktheit ist. Auch ist sie tot, und nur im Lebendigen ist Sünde und der Schatten der Sünde: Scham oder Unscham. Ich sehe sie an wie ein Werk des Meißels, den der Tod geführt hat, und ich denke zurück an meine jungen Tage, da ich mich nächtens mit einer Fackel in den Keller schlich, wo in einer Ecke die Madonna der Heiden stand, zu der meine Ahnen einst gebetet haben: Frau Venus. Doch diese hier ist schöner. Ich denke mir: Sie wurde so schön, weil meine Jugend unter jenem Venusstern stand. Die Göttin, deren Bild ich mit eigener Hand zerschlug, als der Geist des Gesetzes von mir Besitz ergriffen hatte, hat sich gerächt, indem sie aus meinem Blute ihr schöneres Bild gestaltete. Glaubt nur, Messer Giacomo, die Götter der Heiden sind nicht tot. Sie leben in unserem Blute, und aus unserem Blute leben sie immer aufs neue auf in sichtbarlicher Nachgestalt. Der Schatten des Kreuzes ist doch nur ein Schatten, der sich nach der alten Sonne drehen muß. Ihr blickt noch immer nicht hin?«

»Da sei Gott vor!« antwortete ich bestimmt.

Er aber sprach: »Ihr tut mir leid. Dieser Anblick, vor dem auch ich mich gefürchtet habe vor wenigen Minuten noch, und es ist seitdem doch eine Fülle von Zeit verstrichen, reicher als mein ganzes armes Leben in heiliger Finsternis – dieser Anblick ist kein Schrecken: ist klare, ruhige, wohl feierliche, aber nicht gestrenge Offenbarung. Mein schönes Kind liegt auf dem Ruhebette, wie es von Venus erschaffen ward. Der rechte Arm ruht unter dem Haupte, die linke Hand im Haar des Bruders, meines häßlichen Kindes, das, vor dem schönen niederkniend, den selbstgerufenen Tod erwartet hat. Er trägt einen Mantel aus dunkel veilchenblauem Sammet und auf dem Haupte einen Dornenkranz. Ihr wendet Euch ab und seid empört. Mir selber tat der Anblick weh, denn es dünkte mich unwürdig, gleich einem Schauspieler in den Tod zu gehen, Großes nachäffend. Doch weiß ich es besser, seitdem mich das Bild, vor dem sie gestorben sind, belehrt hat, daß er nicht als Mime starb, sondern als Maler. Auf diesem Bilde sind die Farben noch feucht an dem Kopfe mit der Dornenkrone, und es ist, als ob die Blutstropfen lebendig herunterrönnen aus dem krausen Haar über die gelben Wangen. Er hat sich die Dornen ins Haupt gestoßen, dieses Blut fließen zu sehen, aber mehr noch zur Aufgeißelung der Kraft, die auch äußerlich fühlen wollte, was sie innerlich ergriffen hatte. – Ihr wißt, daß es mir immer zuwider war, ihn die Kunst des Malens wie etwas treiben zu sehen, das mehr ist als vornehmer Zeitvertreib. Daß ich es Euch gestehe: Ich verachtete ihn darum, und er war mir seiner Kunst wegen noch abscheulicher als wegen seiner Häßlichkeit und düsteren Art. Nun lehrt mich dieser Morgen, mit dem eine helle Nacht für mich anbricht, auch dies: daß Kunst, mit diesem Stolze heroischer Hingabe ausgeübt, zu den größten Menschendingen gehört, zu denen, die über alle Tiefen und Nebel hinwegtragen, wie dieser zentaurische Christus die nackte Madonna hinwegträgt vom Felsen des Todes über qualmige Städte zur Festung Einsamkeit. – Ich will, hört mich wohl: Ich will in diesem Hause meine Tage beschließen und auf diesem Lager sterben vor diesem Bild, das dann wie alles andere von der Hand meines Sohnes mit meinem Leichnam zu den Leibern meiner Kinder eingegraben werden soll in den Fels dieses Berges. Immer und immer will ich es sehen, wie ihre linke Hand in das blutige Haar des Christus-Zentauren greift, dessen blutrünstiges Antlitz sich ihr in schmerzlichster: seligster Liebe zuwendet. Ihre holden, gütigen, mutigen, aller Liebe vollen Augen sollen auch mir hinüberleuchten zu jener Ruhe, die Gott selber bewacht.«

Kaum daß der Graf geendet hatte, drang Gemurmel und Schrittgestampf vom Gange her in den Saal, und die Stimme eines Knechtes bat um Einlaß.

Der alte Herr erhob sich ruhig, löste seinen Pelzmantel von den Schultern und legte ihn über die Toten. Dann zog er den Vorhang vor das Bild und rief mit seiner alten Stimme des Befehlensgewohnten gebietend: »Tretet still herein!«

Sogleich verstummte Gemurmel und Gestampf. Die Knechte traten gebückt ins Gemach, vor sich her den Wächter schiebend, der gefesselt war und vor dem Grafen in die Knie sank.

»Geht,« befahl der Herr den übrigen, und dem Knienden: »Steh auf und sprich!«

Der erhob sich und murmelte: »Ich wollte fliehen, Herr, weil ich mitschuldig war an dem Schrecklichen, und will nun alles eingestehen.«

Der Graf legte ihm eine Hand auf die Schulter und ergriff mit der anderen die gefesselten Hände des Wächters. Und sprach: »Ich weiß. Doch niemand außer dir und mir soll wissen, denn dieser (und er wies auf mich) sieht nicht mit sehenden Augen und wird auch die anderen heilsam blind machen. Du aber sollst zu keinem Menschen mehr reden, sondern mit mir eingeschlossen bleiben in diesem Hause. Die Leichen meiner Kinder im Felsen zu begraben, soll deine erste Arbeit sein; deine letzte: mit meinem Leichnam dasselbe zu tun. Dann sollst du dieses Schloß besitzen mit allem, was darin ist.«

Der Wächter, diesen Spruch so wenig begreifend wie ich, der ich aber längst die Besessenheit des Grafen erkannt hatte, beugte sich stumm über die Hand seines Gebieters und küßte sie.