Heut ist der Ort ein jämmerlicher Flecken,
Wo niedre Beduinenhütten sich
Im Schatten riesigen Mauerwerks verstecken,
Aus dem sich, schön und ungeheuerlich,
Gewaltige Säulen quadermächtig recken:
Des Tempels Reste, der versank, verblich.
Doch damals stand er noch und um ihn her
Die große Stadt des großen Jupiter.
Man ging auf Straßen, die gepflastert waren,
(Wo mag das Pflaster hingekommen sein?)
Vorbei an Goldschmiedläden, an Basaren,
Hotels, Bordells (und mancher trat auch ein).
Man schob sich, drängte sich mit Legionaren
Aus Rom und Syrien; Griechen, frech und fein,
Flanierten zwischen Juden und Phönikern
Und andern Volksgenossen: noch antikern.
Man amüsierte sich: beim Zeus! Und wie!
Man tanzte; schlug den Ball; man jeute; sah
Entzückt vom sichern Sitze Mensch und Vieh
In wilden Kämpfen sich verbluten; ja,
Man hatte den Genuß, am Kreuze die
Gepfählt zu sehn, die »Christo gloria«
Voreilig sangen, statt Jovi dem Vater.
Und außerdem gab's mehr denn zehn Theater.
Davon im feinsten war Gelasimus
(Als erster Held versteht sich) engagiert.
Auch war er Regisseur (Präpositus),
In allen Bombenwirkungen versiert.
Bei jeder Premiere hat am Schluß
Man ihn hervorgerufen: applaudiert,
Bis er erschien und sich mit edler Neigung
Rechts, links verbeugte als zur Dankbezeigung.
Kein Wunder: wenn man solche Beine hat,
Wie Gelasim, und Augen so voll Feuer,
Daß jede Dame in der großen Stadt,
Als wär' ihr Herz ein Strohsack, eine Scheuer
Voll dürren Heu's, in Flammen stand, schachmatt
Vor Liebe zu dem süßen Ungeheuer.
Alltäglich brachte ihm der Stadtpostbote
Dreihundert Briefe, meistens rosarote.
Die kleinen Mädchen in der süßen Zeit
Der ersten Schwellung gruben um die Wette
In Wachs den Namen, trugen unterm Kleid
Auf bloßer Brust ihn; seine Statuette
Aus Alabaster lag, gebenedeit
Durch manchen Kuß, in manchem Backfischbette,
Indes die mehr schon vorgeschrittenen Damen
Anstatt des Bilds den Mimen selber nahmen.
Und auch die Rezensenten wagten's, ihm
Nicht zu kredenzen ihren Wermutbecher.
Der blutige Schmul selbst hieß ihn Seraphim
(Er, dem sonst alle Mimen schäbige Schächer).
So kam's wie's mußte: unser Gelasim
Wurde von Tag zu Tage eitler, frecher.
Man durfte wirklich bald schon denen glauben,
Die zweifelten an seines Hirnes Schrauben.
Er sprach nur noch per »Wir«, er ließ sich nur
Noch von Äthiopiern in Sänften tragen,
Und, wenn er wirklich einmal Wagen fuhr,
So war's vierspännig und im Muschelwagen;
Die Frau des Gouverneurs sogar beim Jour
Ließ er vergeblich warten und ihr sagen:
Er habe heute Besseres zu tun,
Doch morgen werd' er dazusein geruhn.
Natürlich wählte er die Stücke aus,
In denen er dem Publikum sich zeigte,
Und strich und änderte: es war ein Graus,
Daß mancher Autor jähen Tods verbleichte.
Dann schrieb er selbst ein Drama. Das hieß »Laus
Imperatori«. Das Gehirn erweichte
Jedwedem, der es sah. Ihm ist der Orden
Für Kunst und Wissenschaft dafür geworden.
Doch, wie's nun beim Theater ging (und geht):
Manch Stück gefällt zwar, weil der Herr Verfasser
Beim Publikum in großer Liebe steht;
Jedoch gefällt es – durch. Wie Wind und Wasser
Ist Gunst des Publikums: verfließt, verweht,
Wenn's darauf ankommt. Fragte an der Kass' er:
»Wie ist das Haus heut?« ward zur Antwort ihm:
»Laus zieht nicht – leer!« Das kränkte Gelasim.