Laus zieht nicht! dachte düster er bei sich:
Das Edelste, das ich zu geben habe,
Gilt ihnen nichts. Was zieht denn eigentlich?
Lock' ich vielleicht mit meiner Mimengabe?
Ach nein, ich fühl's: sie woll'n ganz einfach mich:
Ich bin nichts weiter, als ihr Freudenknabe.
Im Grunde werd' ich schauderhaft verkannt.
O Volk, o Welt, wie seid ihr degoutant!
Gelasimus, beleidigt im Genie,
Verfiel in ungewohnte böse Laune.
Erst war sie grau, dann schwarz: Melancholie
Saß faltig über jeder Augenbraune.
Schon floh der Mime zur Philosophie,
Und bald erhob sich ringsum das Geraune:
Gelasimus der Schöne hat den Spleen:
Er abonniert das Weisheitsmagazin.
Man lächelte, und hinter den Kulissen
(Wenn ich so sagen darf, da, wie bekannt,
Es keine gab) ward mancher Witz gerissen;
Denn Mimen waren immer medisant,
Perfid, gemein und kalauerbeflissen:
Schon wurde Heraklit der Dunkle er genannt.
Bald wird er, dachten froh die Konkurrenten,
In einem Nervensanatorium enden.
Der Herr Direktor machte keine Witze.
Ihm war's zu ernst dazu. Das leere Haus
Erzeugte im Gemüt ihm Siedehitze,
Und all sein Zorn galt dem Autor der »Laus«.
»Du hast den Orden, ich die leeren Sitze.
Das paßt mir nicht!« so rief er wütend aus.
»Beschränke dich auf deine schönen Waden
Und laß das Dichten! Denn es bringt mir Schaden.«
So lernte Gelasim die Wahrheit kosten,
Daß jeder hohe Sessel wacklig ist,
Und daß auch goldne Lorbeerblätter rosten,
Bewirft sie Mißerfolg mit feuchtem Mist.
Am liebsten hätt' er den verlornen Posten
Sogleich verlassen ohne Kündigungsfrist,
Hätt' ihn nicht Schuldenlast gefesselt ehern
Wohl an ein Schock von grimmen Manichäern.
Und er ging in sich und begann zu grübeln:
Was hab' ich nun von meiner Eitelkeit?
Verworfen bin ich, machtlos allen Übeln,
Gebundnem Opfertiere gleich, geweiht;
Das Unglück übergießt mich wie aus Kübeln.
Wo ist der Gott, der gnädig mich befreit?
Erleuchtung! Kann mich Frömmigkeit noch retten,
So frequentier' ich gern die heiligen Stätten.
Er tat's. Fort von den Philosophen ging er
Stracks zu den Priestern: und mit offner Hand,
Als Tempelspender und als Opferbringer;
Bei allen Göttern ward er Supplikant.
Kaum hatte Raum der riesige Opferzwinger
Für all das Vieh, von Gelasim gesandt.
Die Priester lächelten: Kein Menschenmagen
Kann eines Mimen Frömmigkeit ertragen.
Jedoch gewährten sie ihm alle Gnaden
Der Götter, die er flehentlich erbat.
Er durfte sich im Venustempel baden;
Des Zeus Orakel gab ihm dunklen Rat;
Er aß, zuviel beinah, geweihte Fladen;
Trug Amulette im Sakralformat.
Half alles nichts. Es blieb die alte Leier:
In seinem Herzen brauten Nebelschleier.
Da, eines Tags, nach endlos langer Probe
Zu einem neuen Stücke, kam zu ihm,
Bescheiden wartend vor der Garderobe,
Ein junges Mädchen, flüsternd: »Gelasim!
Lies dieses Buch, zu Jesu Christi Lobe
Verfaßt vom Patriarchen Joachim!«
Der Mime dachte: Sonderbares Mädchen!
Bringt keinen Liebesbrief – bringt ein Traktätchen!
Da war sie auch schon weg. Im Korridore
Sah Gelasim nur einen Schleier wehn
Aus dunkelgrauem, schwarzgesäumtem Flore.
Er blieb betroffen eine Weile stehn.
»Die ist doch sicher nicht aus unserem Chore …
So einen Flor hat man hier nie gesehn,«
Sprach er für sich; »mir wird nicht ganz geheuer
Bei diesem dunkelgrauen Abenteuer.«