Und warf das Buch hin zu den Schminkedosen,
Als klebe Zauber dran und dunkler Fluch
Von unheimlichen Mächten: namenlosen.
Und warf darüber noch ein schwarzes Tuch.
Und ging nach Haus mit fliehenden Schritten, großen,
Als flög, ein Schatten, hinter ihm das Buch.
Und war bedrückt, verwirrt: umhergerissen
Von Ahnungen, Mahnungen, wie in Finsternissen.

Er warf sich hin aufs üppige Ruhebette
(Von Baalbeks Bosheit wurde es genannt:
Palaestra Gelasimusarum); hätte
Im Schlafe gern das Buch, den Flor gebannt.
Doch heute war es eine Unruhstätte,
Um die herum ein Heer Dämonen stand,
Die bald das Buch und bald den Schleier schwangen
Und in der Fistel: »Lies! Lies! Lies doch!« sangen.

Der Mime sprang empor, und in die Tolle
Fuhr wild die Hand, vernichtend die Frisur.
»Ich will nicht!« schrie er auf in Grimm und Grolle,
»Ich lese keine Pöbelliteratur!
Kann ich nicht schlafen, lern' ich! Meine Rolle,
Erlöse mich von dieser Sekatur!
Der Geist der Katakomben sei vertrieben
Vom Geist des Zeus mit scharfen Jambenhieben!«

Und er versenkte sich mit heftigem Fleiße
Ins Studium. Er lebte, was er las:
Denn es begab sich wunderlicherweise,
Daß seine Rolle wie ein Spiegelglas
Den Trubel wiedergab, der ihn im Kreise
Jetzund herumtrieb. Jede Phrase saß,
Als hätt' er selbst sie aus sich hochgehoben,
Christum zu lästern, Jupitern zu loben.

Er hatte einen Feldherrn zu tragieren,
Dem's, wie nicht wenigen, ergangen war,
Daß ihn der Gattin zartes Persuadieren
Zum Christen machte. Doch nicht ganz und gar:
Denn, wie's im Drama kam zum Peripetieren,
Erhob er mächtig sich wie Jovis Aar
Und fand in höchst dramatischen Donnerwettern
Den Weg zurück zu seinen alten Göttern.

Das schmeckte! Und der Mime deklamierte
Sich alle Wirrung aus der bangen Brust;
Das Heer Dämonen, das ihn so torquierte,
Hat vor den Versen auf die Flucht gemußt.
Gelasimus der Heide triumphierte
Zum letztenmal und glaubte selbstbewußt,
Er selber habe wie sein Held gefunden
Den Weg zum Heil und endlichen Gesunden.

Am nächsten Morgen salbte er und schminkte
Sich ganz wie einst. Ein strahlender Apoll
Ging er zur Probe. Auf der Straße winkte
Er allen Mädchen, heitrer Laune voll,
In Blick, Bewegung, Haltung das distinkte
Erobererair, das jeder haben soll,
Der Frauen gefallen will und Massen lenken,
Daß sie im Zug nach seinem Willen schwenken.

Auch auf der Probe war er ganz der alte:
Die Verse strömten wie ein Wasserfall;
Im Volksgetümmel seine Stimme schallte
Wie Donnerton im rauschenden Regenschwall;
Und wie zum Kreuze er die Fäuste ballte,
Und, wie er rief: »Zurück in deinen Stall,
Aus dem du kamst, verzerrter Gott der Sklaven!«
Da war's als wenn das Kreuz Blitzschläge trafen.

Der Herr Direktor schloß ihn an den Busen:
»Du hast dich wieder, o Gelasime!
Mein teurer Freund! Ich schwör's bei allen Musen:
So schlechthin göttlich sah ich keinen je.
Es ist sonst gar nicht meine Art, zu schmusen,
Doch hier erklär' ich's: gleich der Aloe
Blüht deine Kunst jetzt, deine geniale.
Wir spiel'n das Stück gewiß an hundert Male.«

Bestürmt von Händedrücken, und von Phrasen
Gesalbt, geölt mit allen Parfümrien
Der Schmeichelei (den werten Mimennasen
Das lieblichste Odeur), umsurrt, umschrien,
Umtanzt beinah von Huldigungsekstasen,
Vermochte unser Held sich kaum zurückzuziehn
Zur Garderobe, wo er sich die Schminke
Vom Antlitz wusch. – Da drückt es auf die Klinke.